Pressemarkt : „Krone“ und Erbe

Nach dem Tod von Hans Dichand steht Österreichs mächtigste Zeitung vor einer ungewissen Zukunft. Eine entscheidende Rolle könnte nun die deutsche WAZ-Gruppe einnehmen.

Markus Huber/Wien
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24 Zeilen nahm sich die Familie Dichand in der Freitagsausgabe der „Kronen“-Zeitung um sich von Hans Dichand zu verabschieden, ganze 24 Zeilen, um den am Donnerstag verstorbenen Familienpatriarchen, Hälfte-Eigentümer und Herausgeber des Blattes, zu würdigen. 24 Zeilen sind nicht viel für einen 89-Jährigen, der das mediale und politische Österreich geprägt hat wie kein Zweiter.

Mehr als 40 Jahre lang hatte Hans Dichand die „Krone“ gelenkt und damit eine wohl einzigartige Erfolgsgeschichte geschrieben. Knapp eine Million Exemplare des Boulevardblatts werden täglich verkauft, fast drei Millionen Österreicher sollen sie lesen. Die „Krone“ hat Familie Dichand reich gemacht – Dichand entnahm einen garantierten Vorabgewinn von 700 000 Euro monatlich; zugleich wurde die Zeitung durch ihre Marktdominanz zu einem politischen Faktor in Österreich. Dichand und sein Organ machten Politik, sie beförderte Karrieren wie etwa jene von FPÖ-Chef Jörg Haider sowie dem aktuellen Bundeskanzler Werner Faymann. Sie zerstörte auch jede Menge Karrieren, Minister und Parteichefs, die für den „Krone“-Chef zu liberal oder intellektuell waren, hatten zumeist keine lange Verweildauer in ihren Ämtern.

Mit dem Tod von Dichand wird sich Österreichs politische Landschaft wohl verändern – aber auch der Medienmarkt. In seinen letzten Lebensjahren versuchte Dichand immer wieder, den Essener WAZ-Konzern, dem die „Krone“ ebenfalls zur Hälfte gehört, aus dem Unternehmen herauszukaufen. Bislang zeigte sich die WAZ gesprächsbereit, die Verhandlungen scheiterten aber immer wieder an den unterschiedlichen Preisvorstellungen. Nun, nach dem Tod des Patriarchen, wird die Sache wohl komplizierter: Dichands Anteil wird unter seinen Erben aufgeteilt, zwischen seiner Frau, den beiden Söhnen und der Tochter. Dichand konnte seine Anteile nicht in einer Familienstiftung parken, dafür hätte er sie an eine Stiftung verkaufen müssen. Die WAZ hatte und hat aber ein Vorkaufsrecht auf seine Anteile. Außerdem wird die operative Zusammenarbeit zwischen den Dichands und der WAZ schwieriger: Hans Dichand hatte als Alleinherausgeber die komplette strategische und personelle Hoheit. Sie war an seine Person gebunden. Die Familie Dichand kann zwar einen Nachfolger vorschlagen, für weitere Entscheidungen braucht sie die Zustimmung der WAZ.

Wie es nun weitergeht, liegt also an Dichands Familie. Und hier sind die Rollen dem Vernehmen nach nicht so ganz klar. Einzig der jüngste Sohn Christoph sowie dessen Frau Eva haben ein journalistisches und verlegerisches Interesse, Eva Dichand ist Herausgeberin der sehr erfolgreichen Gratiszeitung „Heute“. Auf lange Sicht würde eine engere Zusammenarbeit mit der „Krone“ Sinn machen, dagegen sträubt sich aber die WAZ, weil sie um die Anzeigeneinnahmen aus der „Krone“ fürchtet. In Wien tauchen jetzt Gerüchte auf, dass die WAZ die Familienanteile aufkauft, um das Gesamtpaket an den Springer-Verlag weiterzureichen, dem schon länger Interesse an der „Krone“ nachgesagt wird. Offiziell wurde am Tag nach Dichands Tod aber noch nichts – außer den 24 Zeilen der Familie in der „Krone“. Zur Zukunft hieß es darin: „Wir wissen, dass er eine Grundlage geschaffen hat, auf der wir aufbauen können. Er ist jetzt alleine, wie er weite Teile seines Lebens auf sich alleine gestellt war, wie man letztlich den letzten Schritt immer alleine gehen muss.“ Und das kann viel bedeuten.Markus Huber/Wien

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