Medien : Pressestimmen: "Die Welt ist zum Krieg bereit"

Matthias Thibaut[London]

Während sich die britische Boulevardpresse gestern mit Präsident Bushs "tot oder lebendig" beschäftigte, geht auf den Meinungsseiten der großen Zeitungen die Debatte über die richtige Reaktion auf die Terroranschläge gegen die USA weiter. Der "Guardian" meldet zwar, zwei Drittel der Briten stünden laut einer Umfrage hinter Militärschlägen gegen Terroristen. Doch Chefkolumnist Hugo Young warnt, Gegenschläge müssten "präzise, nicht proportional" sein - ein präziser Angriff auf Bin Ladens Terrornetz, ohne dass dabei 10 000 unschuldige Afghanen ums Leben kommen. Europa komme, als fester Partner der USA, eine besondere Aufgabe zu. Es muss "alle nur erdenklichen feierlichen Warnungen aufbieten, dass der falsche Angriff die Krise schlimmer, nicht besser macht: Er vertieft den Fundamentalismus." Eine solche warnende Stimme ist nach Ansicht von "Daily-Telegraph"-Kommentatorin Rachel Sylvester auch Premier Blair in seinen derzeitigen diplomatischen Aktivitäten: "Öffentlich spielt er den Kriegshelden, doch privat drängt er Bush dazu, erst dann zuzuschlagen, wenn die Zeit reif ist." Matthias Thibaut, London

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Die Meinungen in der französischen Presse zu den schrecklichen Attentaten in den USA und vor allem die Ansichten über die Folgen, fallen zwar nicht feindlich, aber doch ausgesprochen USA-kritisch aus. Auch in konservativen Zeitungen wie "Le Figaro". "Hastige Vergeltungsschläge, die von Wut diktiert werden, stärken nur den Feind", hieß es dort oder "Achtung, Falle!". Auffällig war: Seit US-Präsident George W. Bush am vergangenen Wochenende dazu übergegangen ist, bei seinen Vergeltungsüberlegungen mit Schwarz-Weiß-Klischees zu arbeiten, hat sich der Ton in der französischen Presse verändert. Forderungen an die USA beherrschen die Leitartikel. "Kein Krieg zwischen dem Guten und dem Bösen, zwischen Gott und Teufel", verlangte die unabhängige Zeitung "Le Monde". Mit einer solchen Politik könne sich Europa nicht solidarisch fühlen. Noch weiter ging die linksliberale Zeitung "Libération": "Die Supermacht Amerika muss endlich ihre Verantwortung für den gesamten Planeten akzeptieren und endlich Politik machen." Sabine Heimgärtner, Paris

In Russland beschäftigen sich die Leitartikler zunehmend mit den Konsequenzen der Vergeltungsschläge. Vor allem für Russland. So zynisch es klingen mag, schreibt die viel gelesene Zeitung "Kommersant", die Terrorakte haben "US-amerikanische Ambitionen, der Welt eine völlig neue Sicherheitsarchitektur aufzuzwingen, in greifbare Nähe gerückt". Die Welt sei zum Krieg bereit. Es gäbe de facto keine neutralen Staaten mehr. Die USA handeln nach Stalins Leitspruch: Wer nicht für uns ist, der ist gegen uns. Eben das, fürchtet das Blatt, könnte die Sterbestunde für die GUS einläuten. Nachdem Usbekistan und Tadschikistan gegenüber Forderungen der USA, ihre Basen zur Verfügung zu stellen, "ruhmlos" eingeknickt seien, schreibt auch die "Iswestija", würde der Krieg "nicht mehr an, sondern innerhalb der GUS-Grenzen geführt. Womöglich mit taktischen Kernwaffen". Elke Windisch, Moskau

Die türkischen Medien haben in ihrer Berichterstattung über die Terroranschläge in den USA fast von Anfang an das Hauptaugenmerk auf die Frage nach den Tätern, nach den global-politischen Folgen und nach den Konsequenzen für die Türkei gerichtet. In den Beiträgen der großen Zeitungen kommt unverhohlener Stolz über die Bedeutung der Türkei für die Reaktionsfähigkeit des Westens zum Ausdruck. Führende Leitartikler weisen zudem darauf hin, dass die strategische Bedeutung der Türkei durch die Rolle des Landes als "Flugzeugträger" des Westens bei möglichen Militäraktionen weiter wachsen dürfte. Nationalistische Kommentatoren bringen ihren Lesern immer wieder einen von den türkischen Regierungspolitikern ins Spiel gebrachten Vorwurf nahe: dass Europa selbst durch seine angebliche Duldung oder gar Unterstützung islamisch-fundamentalistischer oder kurdischer Organisationen aus der Türkei den Terror unterstützt hat. "Terror-Quelle Europa", hieß die Überschrift einer Kolumne in "Hürryiet". Thomas Seibert, Istanbul

Auch Katastrophen werden in China zensiert. Jede Programmänderung, jede politische Berichterstattung ist in der Volksrepublik Sache der Partei. Nur einige lokale Sender wie jener in Chongqing brachen aus der Kontrolle aus und sendeten Live-Bilder von CNN. Viele Chinesen suchten im überlasteten Internet nach Informationen. Mittlerweile berichten Chinas Medien zwar ausführlich über die Krise und die Reaktionen der USA. Eine Zurückhaltung ist jedoch noch immer zu spüren. Die sonst meinungsfreudigen Zeitungen veröffentlichen kaum Kommentare. Das Parteiorgan "Renmin Ribao" (Volkszeitung) zitiert Staatschef Jiang Zemin, der den USA Unterstützung im Kampf gegen Terroristen zugesagt hatte. Die Vorsicht der Staatsmedien spiegelt die Unsicherheit der chinesischen Führung wieder. Peking steht einem US-Militärschlag skeptisch gegenüber, wagt aber nicht, sich offen dagegen auszusprechen. "China Daily" bezeichnete "staatliche Hegemoniepolitik", Machtpolitik und ein wachsendes Wohlstandsgefälle als Ursachen für den globalen Terrorismus. Gemeint ist damit: Die USA tragen selbst eine Verantwortung dafür, dass sie Ziel von Anschlägen sind. Harald Maas, Peking

Globale Bedrohungen erfordern globale Antworten", schreibt Spaniens auflagenstärkste Tageszeitung, das den Sozialisten nahestehende Blatt "El Pais" und gibt damit wohl relativ authentisch die Stimmung der Nation wieder. In Spanien, jenem EU-Land, das wegen der regelmäßigen Mordanschläge der ETA wohl am meisten unter dem Terror zu leiden hat, gibt es wenig Zweifel, dass die Welt notfalls auch militärisch gegen die Urheber der Angriffe auf die USA vorgehen muss. Doch dies müsse mit Augenmaß geschehen. Doch mahnt "El Pais", die Zivilbevölkerung zu verschonen - vor allem vor dem Hintergrund, dass sich schon vor den erwarteten Vergeltungsschlägen der USA auf Afghanistan dort "eine menschliche Katastrophe enormer Ausmaße ereignet". Ralph Schulze, Madrid

In Wien fühlt sich die konservative Tageszeitung "Die Presse" an Sarajewo 1914 erinnert: "Ein kleines Land provoziert ein großes, indem es die Hintermänner einer schweren terroristischen Provokation deckt. Das große Land setzt Ultimaten, löst die Mechanismen eines (des Ersten) Weltkriegs aus. Und geht daran zugrunde." Wenn die Bestrafung der Täter, so "Die Presse" weiter, "nur unter so schweren Opfern erfolgen kann, dass daneben die Folgen der ursprünglichen Tat verblassen, dann sollte drei Mal darüber nachgedacht werden." Paul Kreiner, Wien

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