PRINT IN ÖSTERREICH : Abschied aus Wien

WAZ verkauft Anteil an der "Kronen-Zeitung".

Markus Huber[Wien]

Nein, ein Geheimnis im engeren Sinne war es eigentlich keines: Seit Monaten wird in Wien heftig darüber spekuliert, dass bei der „Kronen-Zeitung“, Österreichs auflagenstärkstem Boulevardblatt, demnächst eine Veränderung der Eigentümerstruktur ansteht. Immer mal wieder tauchten Gerüchte auf, dass die Essener WAZ-Gruppe ihre Anteile an der „Krone“ an den Miteigentümer Hans Dichand verkaufen werde, und nun ist es offenbar wirklich so weit. WAZ-Chef Bodo Hombach bestätigte dem „Handelsblatt“ erstmals öffentlich, dass Gespräche über einen Verkauf „auf Hochtouren laufen“. Hombach rechnet damit, dass der Verkauf bis Herbst über die Bühne geht – und ein Schlusspunkt hinter einen langen Streit gesetzt wird.

Seit 1988 ist die WAZ bei der „Krone“ mit 50 Prozent beteiligt. So lange das Blatt wirtschaftlich gut lief, gab es zwischen den beiden Partnern keinerlei Probleme – doch seit einigen Jahren ist das anders. Zunächst gab es heftige Auseinandersetzungen um die wirtschaftliche Ausrichtung der „Krone“. Dichand wollte eine Gratiszeitung gründen, scheiterte aber am Veto der WAZ. Und seitdem der „Krone“-Gründer seinen Sohn Christoph als Chefredakteur eingesetzt hatte (dem die WAZ die journalistische Befähigung abspricht), eskalierte der Streit. Schließlich wurde in der Schweiz ein Schiedsgericht angerufen, das klären soll, wer tatsächlich über die Personalagenda in der „Krone“ zu bestimmen hat. Das Gericht hat noch kein endgültiges Urteil gesprochen – durch einen Verkauf der WAZ-Anteile an die Dichands dürfte das aber auch obsolet sein.

Der Kaufpreis für das Paket dürfte sich irgendwo zwischen 200 und 250 Millionen Euro bewegen. Für die WAZ ein gutes Geschäft, vor 20 Jahren wurden knapp mehr als 120 Millionen Euro hingeblättert. Dichand, so heißt es in der Branche, würde das Geld von einem Konsortium aus Erste Bank und Wiener Städtische bekommen. Die „Krone“ wäre damit wieder in rein österreichischer Hand. Ein Kauf der WAZ-Anteile würde für den mittlerweile 88-jährigen Dichand nicht nur eine persönliche Genugtuung sein, sondern durchaus auch wirtschaftliche Vorteile haben. Zum einen könnte er dann personell wieder schalten und walten. Zum anderen könnte er ohne die WAZ auch ein zweites Geheimnis lüften, das im Grunde eigentlich auch keines mehr ist: Nachdem die WAZ Dichand seine Gratiszeitungspläne nämlich verboten hatte, wurde in Österreich dennoch eine Gratiszeitung gegründet. Das Wiener U-Bahn-Blatt „Heute“ ist hoch profitabel und wird als Geschäftsführerin von Dichands Schwiegertochter Eva geleitet. Eigentümer ist eine Stiftung, von der niemand weiß, wer sie kontrolliert – dass dahinter Dichand steckt, ist aber offensichtlich. Ohne WAZ könnte er „Krone“ und „Heute“ in einen gemeinsamen Verlag führen, Synergien nutzen und Anzeigenkombis anbieten, was derzeit unmöglich ist. Zudem hätte die „Krone“ wieder Kontakt zu einer jüngeren Zielgruppe. „Heute“ ist für Leser unter 30 Jahren.

Zusätzlich ist die WAZ in Österreich noch am „Kurier“ beteiligt. Dieses Blatt ist mit der „Krone“ über einen Anzeigen- und Vertriebsverbund namens Mediaprint zusammengeschlossen. Dieser wäre aber ohne die „Krone“-Anteile der WAZ hinfällig, und ohne die Mediaprint hat die „Kurier“-Beteiligung für die Essener ebenfalls keinen Sinn. Für die „Kurier“-Anteile dürfte es weit schwerer sein, einen Käufer zu finden, als für die 50-Prozent-Beteiligung an der „Krone“. Der „Kurier“ gilt als defizitär. Markus Huber, Wien

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