Medien : Printmarkt DDR: Abwickeln nach West-Manier

Gunnar Decker

Verführung ist ein Werben aus der Position der Schwäche heraus. Oder wenigstens der glaubwürdig simulierten Schwäche. Gelungene Vereinigung entspringt stets einer gelungenen Verführung. Eine Kunst, die der Westen im Umgang mit dem Osten und seinen Medien nie beherrschte. Darauf zu reagieren, gibt es verschiedene Möglichkeiten

Erste Möglichkeit: Sich entziehen durch Eingehen. Mitunter auch das nicht ganz freiwillig. Exemplarisch vorgeführt durch die "Neue Zeit", der überaus qualitätvollen Tageszeitung der DDR-CDU. Diese diente der "FAZ" Anfang der 90er als Ost-Dependance, wurde dann aber eingestellt, als ihre Auflagenhöhe auf die vergleichbare Größe der heutigen "Berliner Seiten" geschrumpft war. Besonders schnell gingen die Illustrierten ein. Die anspruchsvollen Zeitschriftenleser schienen über Nacht ausgestorben zu sein. Die "Neue Berliner Illustrierte", "Freie Welt", "Für Dich", "Sibylle", "Filmspiegel", "F.F.-Dabei" verschwanden. Stattdessen kam "Super-Illu", ein grelles Ost-Folkloreblatt im Westformat, das mit einer Auflagenhöhe von fast einer Million Exemplare das Zeitschriften-Verkaufsmonopol innehat.

Zweite Möglichkeit: Einfach weiter schlafen wie bisher. Diese Möglichkeit bot sich bei der SED-Bezirkspresse an, die, nun im Besitz einiger Großverlage, ihre Lokalredaktionen ausbauten, aber sonst möglichst wenig änderten.

Dritte Möglichkeit: Die politisch korrekte Vereinigung zweier Wochenzeitungen. Aus "Sonntag" (Ost) und "Volkszeitung" (West) wurde "Der Freitag". Doch keine Vereinigung aus Leidenschaft, sondern Ehe aus wirtschaftlicher Not. Mit 20 000 verkauften Exemplaren bewegt sich der "Freitag" knapp am Rande der Existenzfähigkeit. Aber: Tatsächlich kommen 65 Prozent der Leser aus dem Westen und 35 Prozent aus dem Osten. Ein Idealfall, sagt Detlev Lücke, einer der beiden (Ost-)Chefredakteure.

Vierte Möglichkeit: Purer Ost-Trotz. Der "Eulenspiegel" etwa, das Satiremagazin, das eine Extra-Ausgabe des "Neuen Deutschland" zu "10 Jahre Deutsche Einheit - aber andersrum" herausgebracht hatte. 32 Seiten garantiert holzhaltiges Papier in der "Ausgabe für die 50 neuen Bezirke der DDR (ehemals BRD)". Da begegnet uns dann Rezzo Schlauch als Stadtbilderklärer in der süddeutschen Bezirksstadt Stuttgart, Ulf Merbold als Wachschutzmann im Weltraumbahnhof Schorfheide. "Vom desolaten Konzern zum volkseigenen Musterbetrieb" bis zu "Bittschriften - Ausdruck wahrer Demokratie" lauten die Schlagzeilen. Für ganz Unbelehrbare gibt es Umerziehungslager. Lagersprecher Volker Rühe zeigt bereits Reue.

Fünfte Möglichkeit: Eingehen und wieder auferstehen. 1993 stellte die 1905 gegründete "Weltbühne" ihr Erscheinen ein, wegen eines Streits um die Titelrechte. 1998 erstand sie wieder auf - gleich zweifach, als "Blättchen" (Ost) und "Ossietzky" (West). Autoren und Redaktion arbeiten honorarfrei, das eint die Ost- und Westausgabe.

Sechste Möglichkeit: Von der direkten Konkurrenz samt Abo-Kartei geschluckt werden. So geschehen 1996 mit der "Wochenpost", einem intakten Ost-West-Forum. Sie verschwand fast spurlos in der Hamburger "Woche". Die Leerstelle schmerzt bis heute.

Siebte Möglichkeit: Unter fremder Flagge segeln - eine Taktik, über die Lenin eine ganze Schrift verfasste. "Das Mosaik", das berühmte, von Hannes Hegen begründete Comic-Magazin, bot brillante historische Lehrstunden in Sachen Altes Rom oder Amerikanische Befreiungskriege, die immer eine höchst anzügliche Gegenwärtigkeit hatten. Es besitzt darum immer noch einen eisernen Verehrer- und Käuferkreis.

Achte Möglichkeit: Sich einen neuen Chef suchen. Einst war "Das Magazin" ein Kultblatt. Hilde Eisler, mit ihrem Mann Gerhart Eisler aus dem amerikanischen Exil zurückgekehrt, belebte 1954 das 1924 von Robert Siodmak gegründete Unterhaltungsblatt wieder. Ein exquisites Fenster in die Welt mit hervorragenden Autoren und obligatem Aktfoto. Eine freigeistige Enklave, in der Erotik einen künstlerischen Rang besaß. Heute hat das in chronischen Zahlungsschwierigkeiten steckende "Magazin" eine West-Chefredakteurin mit Hang zur Ostalgie. Die Zwischentöne, die das weltläufige Fluidum dieser Zeitschrift einst ausmachten, verschwanden dagegen immer mehr.

Neunte Möglichkeit: Warten auf bessere Zeiten. Auch das "Neue Deutschland" leistet sich seit anderthalb Jahren einen West-Chefredakteur. Jürgen Reents ist ein rheinischer Charakter, den man sich eher in der "Ständigen Vertretung" am Schiffbauerdamm oder auf einer Parkbank in der Spätherbstsonne vorstellen kann als im Turmzimmer des ND-Gebäudes in Alt-Stralau. Auf dem Tisch ein Stilleben mit überquellendem Aschenbecher und Heringsbrötchen. Reents sucht einen neuen, sonnengeschützten Platz für sein Heringsbrötchen und sagt, dass die verkaufte Auflage derzeit bei 63 000 liegt. Tendenz fallend. Aber so schlimm wie bei der "taz" sei die Situation noch nicht. Trotzdem: kaum Anzeigen. Deshalb wurde das "ND" gerade am Kiosk um zwanzig Pfennige teurer und kostet jetzt 1 Mark 80. Viel Geld für ein so schmales Blatt. Noch ist das "ND" in den neuen Bundesländern die stärkste überregionale Tageszeitung.

Zur Buchmessenbeilage bekam das "ND" vom Fischer-Verlag eine Anzeige. Eine Premiere. Geworben hat sie für Alexander Osangs "Die Nachrichten", jener schillernden Geschichte über Auf- und Absteiger in der Ost-West-Medienlandschaft.

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