Privates Fernsehen : Die Anmacher

Vor 25 Jahren wurde mit dem Kabelprojekt Ludwigshafen der Startschuss für das private Fernsehen gegeben. Fünf Standpunkte.

Am 16. Juli 1982 war es so weit: Nach jahrelangen Debatten um die Zulassung und Notwendigkeit eines ganz anderen Fernsehens wurde das Kabelpilotprojekt AKK in Ludwigshafen beschlossen – die Geburtsstunde des Privatfernsehens, wie es zwei Jahre später mit RTL und Sat1 in Deutschland startete. Dem voraus ging ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das sich 1981 über alle Gerichtsentscheidungen gegen Privatfernsehen hinwegsetzte. Ein solches Medium sei Pest für jede Kultur, gefährlicher als Kernenergie, meinte Bundeskanzler Helmut Schmidt. Mittlerweile sind offene Kanäle, RTL, Sat1, Pro7 etc. neben den zwei öffentlich-rechtlichen Anstalten zum festen Bestandteil des täglichen Medienkonsums geworden. Zu Stärken, Schwächen und Sehgewohnheiten beim privaten Fernsehen – Standpunkte von fünf Medienmachern und -experten.


Barbara Eligmann, Moderatorin („Clever – Die Show, die Wissen schafft“, Sat 1)

Ich bin zwar 1963 in Ludwigshafen geboren, wo später das erste Kabelprojekt startete, wurde aber sozusagen schon kurz nach der Geburt verschleppt. Nach meinem Volontariat beim „Westfalen-Blatt“ ging ich 1985 als Reporterin und Moderatorin zum Regionalprogramm von RTL nach Hamburg. Als Seiteneinsteigerin bin ich ein typisches Kind des Privatfernsehens. Das war ja auch eine Jobmaschine. Ich hätte nicht im Traum dran gedacht, mich nach dem Abitur beim WDR zu bewerben, wäre wohl heute noch Lokalredakteurin. Am Anfang war das ja nur eine kleine Meldung: RTL und Sat 1 auf Sendung. Für mich war das eine leise Revolution. Sie müssen sich nur die „Tagesschau“ von vor 25 Jahren anschauen und die von heute. Es werden Meldungen aufgenommen, über die man früher die Nase gerümpft hätte. Ohne das Pilotprojekt in Ludwigshafen wäre das undenkbar. Auch nicht das Magazin „Explosiv“, das ich von 1992 bis 2000 auf RTL moderiert habe.


Hans Hege, Direktor der Medienanstalt Berlin-Brandenburg

Die Öffnung neuer Verbreitungsmöglichkeiten durch das Kabel hat unsere Fernsehlandschaft mehr verändert als erwartet: Wir haben ein so vielfältiges Angebot zu so günstigen Preisen, dass der Verbraucher vom Nutzen der nächsten Stufe, der Digitalisierung mit noch mehr Programmen, nicht so einfach zu überzeugen ist. Die anderen Ziele der Kommunikationspolitik der 80er Jahre, Interaktivität, Verbindung von Telefon und Fernsehbildschirm, Partizipation der Bürger in offenen Kanälen, sind nicht oder kaum erreicht worden. Was man sich in vielen Ländern als „Wired Cities“ mit vielseitigen Diensten der Informationsgesellschaft vorgestellt hat, das leistet heute das Internet. Das Internet verändert die Medien mehr als das Kabel, vielleicht auch deshalb, weil seine offenen Strukturen kreativen neuen Ideen auch dort eine Chance lassen, wo sie in den Planungen des Staates und großer etablierter Unternehmen nicht vorgesehen sind. Vor 25 Jahren hat man staatlicher Planung noch mehr zugetraut. Heute bestimmen im Ausschlag des Pendels häufig kurzfristige Renditeinteressen von Finanzinvestoren die Medienentwicklung. Langfristig wird am Markt das erfolgreich, was die Verbraucher überzeugt.

Peter Kloeppel, RTL-Chefredakteur

Natürlich ging es zum einen darum aufzufallen. Aber die Privatfunker der frühen 80er Jahre wollten bei der News-Vermittlung auch neue Maßstäbe setzen. Wer in den Geburtsstunden des Privatfernsehens versuchte, mit einer Nachrichtensendung beim Wettstreit mit Institutionen wie „Tagesschau“ und „heute“ nicht im Grundrauschen unterzugehen, musste ungewöhnliche Wege gehen. Sehr ungewöhnliche bisweilen. So bekamen die überraschten Sat1-Zuschauer in der Frühphase der News-Sendung „APF Blick“ einmal als Studiogast (!) die Blues-Sängerin Eartha Kitt präsentiert; sie räkelte sich auf dem Moderationstisch und umschnurrte den Anchorman Armin Halle. RTL plus ließ die Nachrichten des Tages von einer frechen Stoffpuppe namens Karlchen kommentieren, der Schalke-Fan Uli Potofski moderierte zu Karneval im blau-weißen Trikot, und der Sender erlaubte dem News-Moderator Hartmut Schröter sogar live ein Querflöten-Solo am 300. Geburtstag von Johann Sebastian Bach. Alles vorbei, und das ist auch gut so. Was blieb, ist der Anspruch, die News des Tages nicht in Regierungssprecher-Manier zu präsentieren, auch mehr zu zeigen als das Raumschiff Berlin und sich immer wieder die Frage zu stellen: Was müssen und was wollen die Zuschauer wissen? Gehäutet haben sich aber nicht nur die privaten Newcomer, auch die öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen haben in den vergangenen 25 Jahren bei der privaten Konkurrenz genau hingeschaut. So hat der Wettbewerb im Dualen System beiden Seiten gutgetan, und der Gewinner steht auch fest: der Zuschauer.


Jo Groebel, Direktor des Deutschen Digital Instituts

Am Anfang gab es beim Kabelfernsehen mehr Sendende als Sehende. Und auch das waren nicht viele. Diesen Eindruck bekam ich, als mich der Moderator, Intendant und Redakteur in Personalunion, Jürgen Doetz, zu einer Talkrunde zum Thema Jugendschutz in ein spärlich ausgelastetes Kellerstudio lud, aus dem später Sat1 werden sollte. Auch die Villa in Luxemburg war eher unspektakulär, in der die damals 17-jährige Volontärin Susanne Kronzucker in der Gründungszeit von RTL charmant zum Thema „Wie Frauen Männer anmachen“ interviewte. Das Privatfernsehen war anders. Nicht so staatstragend wie ARD/ZDF, sondern unkompliziert, frech. Klar, es gab viel Klatsch und Tratsch und eine Dosis Sex and Crime, aber das Fernsehen kam näher an den Alltag heran, wurde von einem hochkulturlastigen zum populärkulturellen Medium. Und: Der Zuschauer wurde zum Regisseur, der mit der Fernbedienung sein eigenes Programmbukett zusammenstellen konnte. Er wurde zum Programmdirektor, der, dem Quotendiktat sei Dank, ganze Genres auftauchen oder verschwinden lassen konnte. Wie das Privatfernsehen durch das Primat des Sehverhaltens das Angebot verändert hat, steht die Rundfunklandschaft heute erneut vor einem Umbruch: Die Digitalisierung, ganz neue Formate und Inhalte nehmen zu. Schon sitzen die YouToube-Tüftler in den Kellern und schaffen neue Talkrunden.


Helmut Thoma, RTL-Geschäftsführer von 1984 bis 1998, Medienberater

Wenn es 1981 nicht die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts für ein ganz anderes Fernsehen in Deutschland gegeben hätte, wären wir mit RTL in Luxemburg geblieben. Was war das damals für eine Angst vorm Privatfernsehen. Ich war Ende der 70er Jahre in einer CDU-Gruppierung, die die Öffnung in Richtung Kabel- und Satellitenfernsehen vorbereitet hat. 1982 wurde ich Direktor der deutschen RTL-Radioprogramme, habe mich ums Fernsehen gekümmert. Als RTL 1984 startete, ahnte niemand, dass das so ein Erfolg wird. Wir hatten 25 Mitarbeiter, davon drei mit Fernseherfahrung, außerdem nicht den riesigen Filmvorrat wie Leo Kirch. Ich hatte mühsam zwölf Filme zusammengekriegt, Kirch mit Sat1 15000 Spielfilme im Keller. Wie wir das trotzdem geschafft haben? Mit der Devise: Immer was Neues auf den Markt setzen! Wir haben das private Fernsehen mit Programmen wie die Formel 1 bis hin zum 24-Stunden-Betrieb inklusive Frühstücksfernsehen richtig positioniert. Kein Versuch, ein besseres ZDF zu werden, wie Sat1.

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