Produzent Christian Popp : "Uns ist der Massengeschmack wichtig"

Christian Popp produziert erfolgreich Telenovelas. Jetzt will er TV-Movies machen und deutsche Zuschauer vor US-Serien retten

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Herr Popp, Ihr Unternehmen „Producers at Work“ erweitert sich. Für die Movie-Produktion ist die Tochter „Magic Flight Film“ gegründet worden. Wollen Sie mit „Magic Flight Film“ ans große Geld oder an die große Kunst?



Wir wollen qualitativ hochwertige TV-Movies herstellen. Die Wirtschaftlichkeit haben wir dabei ständig im Blick, trotzdem möchten wir hier nicht das große Geld verdienen.

Wer sagt Ihnen, dass die Fernsehsender auf einen neuen Movie-Anbieter warten?

Das tut er nicht, der Markt. Ich habe mit der Gründung von „Magic Flight Film“ auch so lange gewartet, bis ich die richtigen Leute gefunden habe. Mit Franziska Buch und Christian Rohde konnte ich zwei Persönlichkeiten gewinnen, denen ich das sowohl kreativ als auch qualitativ zutraue. Die Produktion von TV-Movies kann man nur mit einem richtigen Aufschlag machen oder gar nicht. Dieses Geschäft ist ein Personengeschäft – und die Firma nur so gut wie die Leute, die für sie arbeiten.

Der Produzentenmarkt gilt als gesättigt. Wer etwas haben will, muss anderen was wegnehmen. Wer ist schlechter als Sie?

Es geht nicht darum, dass die anderen schlechter sind. Bei den großen Sendern findet ein Wettbewerb der Ideen statt, gerade im Bereich der TV-Movies. Wer da als Produzent die bessere Idee präsentiert, der kommt zum Zug. Es ist eine Frage des Spirits, wie ihn Franziska Buch und Christian Rohde besitzen. Der ist nicht so häufig. Sie sind extrem gut vernetzt in der Kreativbranche, sie haben großes kommunikatives Geschick, sie haben eine klare Idee, eine Vision für die Filme, die sie machen. Das zeigen beider Arbeitsbiografien.

Lässt sich für das Genre des TV-Movies ein Produktionsjahr überhaupt planen?

„Producers at Work“ produziert die Telenovela „Anna und die Liebe“ für Sat 1. Darum beneidet mich die Branche, weil ich damit im sicheren Brot-und-Butter-Geschäft tätig bin. Der Unterschied zwischen mir und vielen anderen ist: Ich liebe tägliche Serien …

… ein Bekenntnis ist gefallen.

Aus diesem Erfolg heraus hat sich diese Wachstumsidee ergeben. Das TV-Movie-Geschäft beginnt im Gegensatz zum Seriengeschäft jedes Jahr von vorne. Trotzdem hat man mit TV-Movies mehr Chancen im Markt, weil mehr TV-Movies als Serien gedreht werden. Als Unternehmer muss ich mir immer überlegen, wie ich den Schwankungen im Markt begegnen kann – und da bieten sich die TV-Movies an. Aber es wird dauern. Wenn „Magic Flight Film“ 2010 ein Movie produziert, dann bin ich glücklich.

Das ist überschaubar. Soll „Magic Flight Film“ mit einem bestimmten Profil arbeiten oder heißt die Devise: Mitnehmen, was des Wegs kommt?

Das Profil kreieren die beiden Köpfe. Wir beabsichtigen, qualitativ hochwertige Filme mit einem Unterhaltungswert zu produzieren, der auch das breite Publikum anspricht. Wir wollen nicht in die Spezialisten-Nische, uns ist der Massengeschmack wichtig.

Das macht das Genre nicht interessanter.

Das ist wohl wahr. Aufgrund der eingesetzten Budgets erwarten die Sender einen wahrnehmbaren Zuschauererfolg. Das Geschick besteht darin, die scheinbar sich ähnelnden Filme mit individuellen Linien zu durchziehen. Publikumszugewandtheit und gesellschaftliche Relevanz sollen sich treffen. Also: Maßgeschneidert für den jeweiligen Sender, maßgeschneidert für die große Quote.

Die Produzenten haben sich daran gewöhnt, dass jeder x-beliebige Kinofilm, jeder x-beliebige Fernsehfilm subventioniert wird. Können Sie das rechtfertigen, warum der Steuerzahler die Film- und Fernsehproduktion massiv unterstützen soll?

Ich nehme das Geld von dort, wo es herkommt. So ist das Fördersystem, übrigens nicht nur mit Steuergeldern. Die Kinobranche ist ohne Subventionen gar nicht überlebensfähig. Teure Projekte sind auch im Fernsehen nicht aus dem Markt heraus finanzierbar. Die Budgets sinken, da kommt die Förderung gerade recht.

Bekommen Sie für die Telenovela „Anna und die Liebe“ Fördermittel?

Nein. Wir erhalten eine Landes-Strukturförderung in Brandenburg. Das ist keine direkte Förderung für eine Produktion, sondern eine Standortförderung für Firmen, die Arbeitsplätze in den neuen Bundesländern schaffen. Die bekommen viele Unternehmen, und eben auch Fernsehproduzenten in Potsdam.

Sie sind jetzt auf TV-Movies aus. Retten Sie nebenbei noch die deutsche Serie?

„Dr. Molly“ haben wir gemacht, das hat leider nicht funktioniert. „R.I.S“, das hat nicht so schlecht funktioniert, war aber eben auch nicht der große Erfolg. Ich gehe fest davon aus, dass wir im deutschen Fernsehen Ende 2010/2011 groß die Rückkehr der tot geschriebenen deutschen Serie feiern werden. Schauen Sie nur auf RTL, da ist mit „Countdown“ die dritte deutsche Serie gestartet, die gut läuft. Die Zuschauer haben von den amerikanischen Formaten genug.

Meinen Sie das wirklich ernst?

Aber zu hundert Prozent. Die Fernsehkonsumenten warten doch auf etwas, was direkt mit ihrer Lebenswirklichkeit zu tun hat. Amerikanische Serien haben mit der deutschen Realität nichts gemein. In diese Lücke müssen wir hinein. Die deutschen Zuschauer sehen doch nur das Beste aus dem amerikanischen Serienmarkt, nur das, was vor dem strengen US-Publikum bestanden hat. Und dagegen muss dann die deutsche Produktion bestehen. Verdammt schwer, und nur zu schaffen, wenn wir die Chancen dafür bekommen.

Heißt: Von allen fiktionalen Genres ist die Serie das schwierigste.

Wenn ein TV-Movie nicht funktioniert, fällt das nicht weiter auf. Scheitert eine Serie, und das ist mir schon passiert, ist das brutal. Es gibt nur wenige Chancen, eine Serie zu produzieren. Vergibst du die, einmal oder zwei Mal, dann bist Du der „Chancentod“ der Branche.

Christian Rohde, Geschäftsführer bei „Magic Flight Film“, kommt von Teamworx, aus der Eventschmiede des Nico Hofmann. Soll’s in die gleiche Richtung gehen? Was halten Sie von einem Team worxZweiteiler wie „Das Geheimnis der Wale“?

Ich persönlich fand den Film gut, ich mochte das. Der Film hatte ein klares Thema und bot eine unterhaltsame Mischung. Unterhaltung eben. Aber Christian Rohdes Bandbreite bei Team worx ging von großen Zweiteilern bis zu Debüts und Theaterfilmen. Und das machen wir bei der MFF auch.

Die deutsche Produzentenszene zeichnet sich dadurch aus, dass öffentlich keine Krähe der anderen ein Auge aushackt. Sind Sie auch so ein Schmusebruder?

Dosiert. Ich kann daran aber nichts Schlechtes erkennen. Wir produzieren ja die Telenovela „Anna und die Liebe“. 150 Leute arbeiten dafür. Das Allerwichtigste ist, dass sie gerne zur Arbeit kommen und sich mögen. Die Atmosphäre der Teamkollegialität, meinetwegen das Schmuseklima muss stimmen. Das hat mit dem notorischen Bussi-Bussi-Gehabe auf dem roten Teppich nichts zu tun.

Was ist das Glück des Produzenten?

Wenn normale Menschen sagen: Ich schaue das an, was du produziert hast, jeden Tag sehe ich „Anna und die Liebe“ an. Dass man Teil der Sozialisation von Menschen ist, das ist ein großes Glücksgefühl.

Das Interview führte Joachim Huber.

Christian Popp, Jahrgang 1966, ist Geschäftsführer von „Producers at Work“ (PAW) in Potsdam, Spezialist für serielle Formate wie „Anna und die Liebe“ (Sat 1). Popp hatte zuvor für MME und Grundy Ufa gearbeitet. PAW hat gerade „Magic Flight Film“ für die Movie-Produktion gegründet. Geschäftsführer sind Christian Rohde, bisher Produzent bei Teamworx, und Franziska Buch, Autorin, Regisseurin, Professorin an der Filmakademie Ludwigsburg.

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