Programm-TÜV : Die Reifeprüfung

Was die Privatsender dem jungen Publikum zumuten dürfen, darüber entscheidet die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen. Auch beim RTL-Format „7 Tage Sex“.

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Jetzt oder nie? Martina und Hanno haben an nur vier von 365 Tagen im Jahr miteinander Sex. Das wollen sie ändern. Der Privatsender RTL lädt sie deswegen zu „7 Tage Sex“ ein. Was die Kameras beobachten, das prüft die FSF auf Sendetauglichkeit. Foto: RTL
Jetzt oder nie? Martina und Hanno haben an nur vier von 365 Tagen im Jahr miteinander Sex. Das wollen sie ändern. Der Privatsender...

Tag 1: Martina und Hanno haben sich in ihr Schlafzimmer zurückgezogen. Sie liegen im Bett, und Hanno kurbelt die Jalousien herunter.

Martina und Hanno haben sich bei RTL beworben, weil ihr Liebesleben nicht mehr funktioniert. Nun soll ihnen der Privatsender helfen. „7 Tage Sex“ heißt das neue Format, eine Dokusoap, in der Paare für sieben Tage ins Bett geschickt werden, um ihre Ehe wieder zu beflügeln. Martina und Hanno sind in den Vierzigern, sie ist prall wie ein gefüllter Plunder, er so dünn wie eine Laugenstange. Seit 15 Jahren sind sie ein Paar, aber Sex haben sie nur an vier von 365 Tagen. Hanno ist Lokführer im Schichtdienst und viel unterwegs. Vor laufender Kamera gesteht er, dass er sich manchmal im Badezimmer erleichtert.

Vor dem Fernseher sitzen vier Männer und eine Frau. Und während sie das RTL-Experiment mit Martina und Hanna betrachten, beschäftigt sie eigentlich nur eine Frage: Wer darf sich so etwas anschauen?

Tag 2: Hanno und Martina sitzen auf dem Sofa und sehen sich ihren Lieblingsfilm „Titanic“ an. Der Sprecher kommentiert: „Und während die Spitze des Eisbergs immer näher kommt, steuern auch Martina und Hanno auf ihren Höhepunkt zu.“

Die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen, kurz FSF, hat ihren Standort in Berlin, unweit des Hauptbahnhofs. Ein Bau mit großen Fenstern und hellen Zimmern. Drei Tage in jeder Woche prüfen hier fünf Experten Sendungen, die von Privatsendern eingereicht werden. An diesem Vormittag liegt vor ihnen der Antrag von RTL. Der Sender möchte die Folge mit Martina und Hanno um 21 Uhr 15 und in der Altersfreigabe ab zwölf Jahren zeigen. Die Prüfer entscheiden, ob dies im Rahmen des Jugendschutzes möglich ist, oder ob Szenen zu gewalttätig, beängstigend oder pornografisch sind. Ihre eigenen Gefühle sollen dabei keine Rolle spielen. Man sieht es ihnen an. Im Raum herrscht professionelle Stimmung, wie beim Poker. Auf dem Bildschirm erzählt Martina über ihr Intimleben, dass Hanno mal ein wilder Hengst gewesen sei und jetzt immer öfter schlappmache. Einem normalen Fernsehzuschauer können bei solchen offenherzigen Geständnissen schon mal die Gesichtszüge entgleisen. Die Prüfer lutschen Bonbons.

Tag 3: Hanno bringt Martina Frühstück ans Bett. Plötzlich kommt Martinas Vater unangemeldet in die Wohnung und stört die beiden.

„Wenn ich Sendungen prüfe, lasse ich meinen persönlichen Geschmack beiseite“, sagt Oliver Weiß, der an diesem Vormittag mit im Ausschuss sitzt. „Ich betrachte die Produkte mit einem wissenschaftlichen Blick, konzentriere mich auf die Fragen des Jugendschutzes und formuliere im Anschluss, was tragfähig ist.“ Oliver Weiß ist Jahrgang 1969 und arbeitet als Programmierer. Er hat eine Ausbildung als Mediengestalter und ein Studium der Film- und Fernsehwissenschaft hinter sich. Die anderen Prüfer im Raum haben einen ähnlichen beruflichen Hintergrund. Alle interessieren sie sich für Jugend- und Medienschutz, reden und schreiben gern über Filme. Aber hier sehen sie, was sie sich privat wohl eher nicht anschauen würden. Bei der Freiwilligen Selbstkontrolle versammelt sich die ganze Welt des Privatfernsehens; vom „Frauentausch“ über „Deutschland sucht den Superstar“ bis „CSI: Miami“. Seit sieben Jahren ist Prüfer Oliver Weiß damit konfrontiert.

Tag 4: Martina und Hanno verbringen den Abend in einer Cocktailbar. Beschwipst kommen sie nach Hause und verschwinden im Schlafzimmer, während die Kinder vor dem Fernseher sitzen.

Insgesamt arbeiten 100 Prüfer für die FSF. Nur fünf von ihnen sind hauptamtlich tätig, die anderen gehen unterschiedlichen Jobs nach. Als Wissenschaftler, Künstler, Journalisten, Pädagogen. Die meisten haben neben Medienwissen auch Erfahrung mit Kindern und Jugendlichen. Ihr Prüfeinsatz erfolgt im Wechsel: Bis vier Mal im Jahr reist jeder von ihnen nach Berlin. Drei Tage lang schauen sie sich dort neue Serien, Soaps, Dokus und Abenteuerfilme des Privatfernsehens an. Im Anschluss stimmen sie über das Programm ab. Beeinträchtigt es Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung? „Unsere Entscheidung ist natürlich keine reine Wissenschaft“, sagt Stefan Linz, einer der Prüfer. „Wir stellen Wirkungshypothesen auf. Wir vermuten, dass ein bestimmter Inhalt, den wir alle gesehen haben, so oder so auf Kinder und Jugendliche wirkt. Dabei sind wir auch nicht immer einer Meinung. Wir versuchen jedoch dem Inhalt mit unserem Hintergrundwissen so gerecht wie möglich zu werden.“

Tag 5: Martina und Hanno gehen zusammen in einem Sexshop einkaufen. Sie entscheiden sich für Handschellen, eine Maske und eine Peitsche.

1993 wurde die FSF als gemeinnütziger Verein gegründet. Bis dahin kaufte das Privatfernsehen preiswerte Sendungen und strahlte sie aus, ohne sie zu kontrollieren. Die Politik machte Druck. „Man begann, über die möglichen Folgen von Sex- und Gewaltdarstellungen im Fernsehen zu diskutieren“, erinnert sich Claudia Mikat. Sie ist hauptamtliche Prüferin, eine wortreiche Frau und von Anfang an dabei. Sie studierte Erziehungswissenschaft und Medienpädagogik. Sie erlebte die ersten Schritte des Privatfernsehens mit der Erotikshow „Tutti Frutti“ und der Krimiserie „Starsky & Hutch“, Formate, die heute fast niedlich wirken. Was Sex und Action betrifft, ist die Welt des Fernsehens längst viel offener geworden. Was früher noch Fiktion war, ist jetzt Realität. Gleichzeitig aber hat man die Kontrollen verschärft. ARD und ZDF besitzen Prüfstellen im Haus, die Privatsender haben mittlerweile eigene Jugendschutzbeauftragte. Sie leiten die Programme nach Berlin weiter, dort bündelt die FSF die Prüfanträge von insgesamt 30 Sendern, von Sat 1, Viva, Vox, History bis hin zu beate-uhse.tv. Für sie wird die Freiwillige Selbstkontrolle zur letzten Instanz. „Wir prüfen alles, was nicht offensichtlich unbedenklich ist“, sagt Claudia Mikat, „eindeutig unbedenkliche Formate wie Kochshows prüfen wir nicht.“

Tag 6: Martina schenkt Hanno einen Ausflug ins Wellnesscenter. Sie beschließen ihn mit einem gemeinsamen Bad in der Wanne.

In den letzten 20 Jahren gingen 16 500 Anträge über den Tisch, ein Drittel davon wurde zunächst abgelehnt. In so einem Fall legt der Ausschuss den Sendern Schnittauflagen vor, oder stuft das Format zu einer späteren Sendezeit ein. Dazu gehörte auch der Antrag von Pro 7 für das Reality-Format „50 pro Semester“. Hier standen Studierende in einem Wettbewerb, in dem es darum ging, 50 Frauen oder Männer in einem Semester ins Bett zu kriegen. Wie Jäger gingen die Studenten auf Pirsch. Von ihren Opfern nahmen sie Polaroids auf und hefteten sie an die Wand wie das Geweih eines gerade erlegten Hirschs. Pro 7 wollte die Sendung zur Prime Time im Hauptabendprogramm zeigen. Das hätte eine Altersfreigabe ab zwölf Jahren bedeutet. Die FSF begründete ihre Ablehnung damit, dass das Format falsche Werte vermittle. Sie hielten eine Ausstrahlung nur ab 23 Uhr und für Zuschauer ab 18 Jahren für denkbar. Genau jene Zeit, die ohne Werbung und Zuschauer auskommen muss. Pro 7 hat die Sendung daraufhin eingestellt.

Tag 7: Martina zieht Hanno aus dem Bad ins Schlafzimmer. Die Tür wird geschlossen. Das Plakat, das auf der Tür klebt, zeigt ein Delphinpärchen.

Dem heutigen Antrag von RTL wird sorglos stattgegeben. Alle fünf Prüfer sind sich einig, dass „7 Tage Sex“ mit Martina und Hanno im Hauptabendprogramm ab zwölf Jahren gezeigt werden darf. Die Prüfer finden, dass das Thema Sex im Film sehr zurückhaltend und nicht voyeuristisch dargestellt wird. Diskutiert wird noch, ob die Folge auch im Tagesprogramm laufen kann. Bedenken macht eine Szene, in der Peitsche und Handschellen auftauchen und die falsch ausgelegt werden könnte. Es wird geheim abgestimmt. Mit 3:2 Stimmen entscheiden sich die Prüfer am Ende für eine Ausstrahlung im Tagesprogramm. Im Ergebnisprotokoll heißt es: „Die Botschaft, dass Sex ein wichtiger Bestandteil einer Ehe/Liebesbeziehung ist, entspricht dem gesellschaftlichen Wertekonsens und kann auch von Kindern bereits verstanden werden.“

Letzte Einstellung: Martina und Hanno erzählen ihren Kindern, der Familie und Freunden über ihr erfolgreiches Experiment. Hanno bedankt sich bei seiner Frau, ihm kommen die Tränen. RTL zeigte diese Folge von „7 Tage Sex“ am 13. März.

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