Prominenter Häftling : Der abwesende Herr Hoeneß

Über Abwesende war immer schon gut reden, meinen und lästern: Wir sehen Talkshows ohne Ende zum JVA-Phantom.

von
Foto: AFP
Foto: AFPFoto: AFP

Jetzt ist er mal weg. Uli Hoeneß hat in der JVA Landsberg seine Haftstrafe angetreten. Er ist Deutschlands „berühmtester“, „prominentester“, „bekanntester Häftling“. Hinter den Gefängnismauern wird die öffentliche Überfigur zum Phantom. Tragisch?, paradox?, logisch?, dass ausgerechnet ein Gefängnis zur Tarnkappe wird. Uli Hoeneß wird aller Augen und Ohren entzogen, er selber wird stummgeschaltet und unsichtbar gemacht. Subjekt wird Objekt. Eine durchmedialisierte Gesellschaft akzeptiert das nicht, muss das auch nicht. Uli Hoeneß war omnipräsent, alles andere als Schweiger, er war und ist eine öffentliche Figur, eine Person der Zeitgeschichte, hinter Gittern so interessant wie beim FC Bayern München. Es wird mehr denn geschrieben und gesendet über den Manager und Menschen, über den Wohl- und Straftäter.

Aber er ist weg, abwesend, Hoeneß ist jetzt nicht-öffentlich. Da werden immer weniger Fakten fließen, umso breiter öffnet sich das Delta der Spekulationen. Es kommt die Hochzeit der Fragezeichen. Für die Fragezeichen im Journalismus sind zuerst die Talkshows zuständig. Nichts wissen, alles fragen, auf Antworten hoffen, das ist der Zyklus. Wer die Archivfunktion der Talkshows bei ARD und ZDF bemüht, der zuckt zusammen über die Breite und bemühte Varianz der Hoeneß-Themen. Vier Beispiele aus jüngster Zeit: „Der Prozess – Muss Uli Honeß ins Gefängnis?“ („Günther Jauch“); „Hinter Gittern – wie hart muss Strafe sein?“ („Hart aber fair“); „Danke, Uli Hoeneß! Wird die Steuermoral jetzt besser? („Menschen bei Maischberger“); „Helden, Hoeneß, Hass und Häme – Kennen wir keine Gnade mehr?“ („Maybrit Illner“).

Überdruss? Die öffentlich-rechtlichen Talker wissen, was sie tun. Sie wissen, dass das Interesse des Publikums da ist, dass Deutschlands „prominentester Häftling“ auch in der x-ten Wiederholung prächtige Quoten garantiert. Über Abwesende war immer schon gut reden, meinen und lästern. Und Nicht-Wissen hat die Fantasie stets provoziert.

Uli Hoeneß, so heißt es, kann sich in der JVA einen Fernseher mieten oder kaufen. Vielleicht schaltet er an diesem Mittwoch um 22 Uhr 45 „Anne Will“ in der ARD ein: „Hoeneß in Haft – Kommt man als besserer Mensch aus dem Knast?“ Fernsehen resozialisiert nicht.

Autor

2 Kommentare

Neuester Kommentar