Medien : Propaganda aus Überzeugung West-Reporter drehten für das DDR-Fernsehen

Kathrin Schich

Sie fuhren nach Schweden, Großbritannien oder in die Bundesrepublik, dokumentierten das Leben der kleinen Leute und deren Alltagsprobleme im Kapitalismus und lieferten ihre Geschichten, so genannte „Betroffenheitsreportagen“, dann an das DDR-Fernsehen: Westdeutsche und britische Journalisten in den siebziger Jahren, mindestens zwölf Leute, schätzt der Leipziger Medienwissenschaftler Tilo Prase von der Forschungsgruppe „Programmgeschichte des DDR-Fernsehens“. Mehr als 40 Filme seien so entstanden.

„Es waren überwiegend linke Intellektuelle mit Verbindungen zu kommunistischen Parteien“, sagt Prase. Demnach habe es sich um eine freiwillige Tätigkeit für die DDR-Medien, eine Tätigkeit aus Überzeugung, gehandelt. Die gelieferten Reportagen könnten als „abhängiger Journalismus“ bezeichnet werden. Hinweise auf eine mögliche Spionage-Tätigkeit für die Stasi gebe es allerdings nicht. In den achtziger Jahren ging diese ungewöhnliche Zusammenarbeit dann zu Ende: Zum einen seien die Westreporter dem DDR-Fernsehen zu teuer geworden. Andererseits sei es wohl trotz gemeinsamer politischer Überzeugungen zunehmend zu Auseinandersetzungen mit den Mitarbeitern gekommen. Einige der Westreporter arbeiteten später für das ZDF, der Sender erklärte gestern jedoch, davon wisse man nichts.

An der Untersuchung des DDR-Fernsehens (www.ddr-fernsehen.de) sind etwa 30 Wissenschaftler an den Universitäten Leipzig, Halle-Wittenberg, der Humboldt-Universität Berlin und der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam beteiligt. Das Projekt ist in zehn Schwerpunkte aufgeteilt und wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt. Der Abschlussbericht soll 2007 vorliegen.

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