Protest-TV : Russisches Revolutions-Fernsehen

Der Sender Doschd ist jung, unkonventionell und politisch. Er gibt der Opposition eine Stimme. Aber wie lange noch?

von und Moskau
Live-Schaltungen zu Demonstrationen, Interviews mit Oppositionellen, Videos über Wahlfälschungen. TV Doschd macht das, was dem Staatsfernsehen verboten ist. Foto: Promo
Live-Schaltungen zu Demonstrationen, Interviews mit Oppositionellen, Videos über Wahlfälschungen. TV Doschd macht das, was dem...

Es ist einer dieser aufregenden Tage nach den Parlamentswahlen in Russland. Wer am Mittag den Sender „Doschd“ einschaltet, sieht einige junge Menschen in Jeans und T-Shirts um eine leuchtende Säule stehen. Es ist die Redaktionssitzung des Senders, live übertragen, wie fast alles auf dem Kanal. An die Säule hat jemand mit großen schwarzen Buchstaben „FSB“ geschrieben, man diskutiert über die Versuche des Geheimdienstes, oppositionelle Gruppen im sozialen Netzwerk „vkontakte“ zu löschen.

Renat Dawletgildejew setzt sich an den weißen Tisch in der Mitte des Studios, an dem jeden Abend ohne die üblichen Tabus diskutiert wird. Der Chefproduzent des Senders ist 26 Jahre alt, und damit in etwa Durchschnitt hier: Telekanal Doschd, übersetzt heißt das Regen, ist jung, unkonventionell, und politisch. Und erlebt gerade seine Sternstunde. „Seit Beginn der Proteste hat sich unsere Zuschauerzahl verfünffacht“, erzählt Dawletgildejew. Eine Million Menschen sahen in dieser Woche tagtäglich das, was allen anderen Sendern verboten ist: Liveschaltungen von den Demonstrationen, Oppositionelle, die über den Untergang des Systems Putin diskutieren, Videos von Wahlfälschungen.

25 Millionen Haushalte sind über Kabel und Satellit „potenzielle Zuschauer“, gibt der Sender bekannt. Die Ergebnisse der ersten Zuschauerumfrage werden in den nächsten Wochen bekannt gegeben. Ihre Heimat haben die 250 Mitarbeiter im „Roten Oktober“, einer ehemaligen Schokoladenfabrik aus rotem Backstein am Ufer des Flusses Moskwa, die vor einigen Jahren in eine Kultur-, Party- und Medienfabrik umgewandelt wurde. Keinen Kilometer vom Kreml entfernt ist ein place to be für alle Moskauer unter 40 entstanden, die cool, unkonventionell, europäisch sein wollen, die mit iPads am Mittagstisch sitzen und sich über Facebook verabreden, die mindestens Englisch sprechen und wissen, wie es in der Welt aussieht, die Spaß haben wollen, aber politisch interessiert sind.

Von solchen Menschen wird Doschd gemacht, und diese Menschen sind auch die Zielgruppe. Aber wie kann dieser Sender existieren im System Putin, das in den letzten Jahren zwar Zeitungen und Radio gewisse Freiheiten ließ, aber die Fernsehkanäle zu Propagandawerkzeugen degradierte? Zum einen ist da die finanzielle Unterstützung, aber wichtiger noch die Chuzpe von Natalja Sindejewa. Die 40 Jahre alte Powerfrau machte seit Mitte der 90er Jahre Radio „Silver Rain“ zum Sender für die wachsende, selbstbewusste Mittelschicht. 2010 integrierte sie die „Bolschoi Gorod“ in ihre Mediaholding, eine Zeitschrift, die eben diese Schicht ansprach. Und im April 2010 sah sie die Zeit gekommen für den Sender Doschd.

In der Moskauer Journalistenszene beobachtete man das Unterfangen wohlwollend, aber ungläubig. Würde der Kreml dem Sender eine unabhängige politische Berichterstattung gewähren? Schnell machte der Kanal Schlagzeilen: Die Zuschauer konnten live zusehen, wie der Sender gebaut wurde. Seitdem ist Aufrichtigkeit der große Trumpf des Senders, zwei Drittel der Zeit wird live gesendet.

Laut dem Fernsehjournalisten Leonid Parfjonow, zugleich einer der lautesten Kritiker des russischen Fernsehens, habe der Staat den Sender zudem bis zuletzt einfach nicht ernst genommen. „Was sind schon 200 000 Zuschauer gegenüber dem ersten Kanal, der in der gesamten GUS vielleicht 200 Millionen erreicht? Die Freiheiten von Doschd seien nur „homöopathische Dosen“ gegenüber dem Einfluss der „föderalen Sender“ gewesen.

Es gab da sogar diesen für viele überraschenden Besuch bei TV Doschd im Frühjahr 2010, Dmitri Medwedew ließ sich durchs Studio führen, jener Präsident, der gerne von Modernisierung und Demokratie sprach. „Freiheit ist besser als Unfreiheit“ stammt von ihm. Aber jener Medwedew hat sich im September selbst abgeschrieben, als er bekannt gab, dass nun wieder Wladimir Putin für das Präsidentenamt kandidieren wird.

Dass Medwedews Worte nichts bedeuten, hat der Sender in der letzten Woche zu spüren bekommen: Am vergangenen Mittwoch forderte die Medienaufsichtsbehörde die Aufnahmen der letzten Tage zur Überprüfung an. Dawletgildejew weiß, was das bedeutet: „Sie können uns eine Warnung aussprechen, und nach der zweiten Warnung wird uns die Lizenz entzogen.“ In den letzten Tagen hat der Sender Tausende Unterstützer-Kommentare erhalten. Ist es möglich, dass der Sender von den Behörden geschlossen wird? Dawletgildejew glaubt das nicht: Die Fans des Senders würden auf die Barrikaden gehen. Journalistenkollege Parfjonow ist da nicht so sicher: „Die Zukunft des Senders hängt davon ab, ob die Proteststimmung im Lande mehr als nur eine Mode ist.“

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