Psychiater Karl-Heinz Brisch : "Die Kinder werden instrumentalisiert"

Karl-Heinz Brisch hat von Anfang an gegen die RTL-Serie protestiert, in der Babys für vier Tage von ihren Eltern getrennt und jugendlichen Paaren überlassen werden, damit diese lernen, wie schwer das Leben mit Kindern ist.

Brisch
Karl-Heinz Brisch -Foto: Clett-Cotta

Herr Brisch, die Realityshow "Erwachsen auf Probe" ist abgedreht. RTL will die Serie ab dem 3. Juni ausstrahlen. Sie und viele Kollegen protestieren dennoch weiter dagegen. Warum?



Man muss diese Sendungen nicht gesehen haben, wenn man die Bedingungen kennt, unter denen gefilmt wurde. Es wäre schön, wenn es gelänge, die Ausstrahlung aufzuhalten. Man kann Babys mal schnell für vier Tage wildfremden Menschen zur Pflege anvertrauen, noch dazu Jugendlichen, die von Babys keine Ahnung haben – diese Botschaft, die der Sender da Eltern vermittelt, ist katastrophal. Suggeriert wird: Das macht den Babys gar nichts. Wäre es problematisch, würden es die Eltern ja nicht tun. Diese Bindungsbotschaft ist sehr bedenklich.

Was meinen Sie mit Bindungsbotschaft?


Die Botschaft lautet, Babys können sich ohne größere Eingewöhnung einfach mal von ihren Eltern trennen. Normalerweise würden Babys nicht freiwillig zu Fremden gehen, da ihre Bindungsentwicklung schon auf den Weg gebracht ist. Sie würden weinen, sich an die Eltern klammern, auf keinen Fall aber für längere Zeit auf einen fremden Arm gehen. Das kann man mit ganz kleinen Babys noch machen. Aber diese hier sind zwischen 7 und 14 Monate alt, also in der Hochphase der Bindungsentwicklung.

Was ist falsch daran, fremde Babys zu knuddeln?

Von Fremden in diesem Alter auf den Arm genommen zu werden, löst Stress und Angst aus. Das Kind würde sich rauswinden. Bei einer gesunden, sicheren Bindung müsste man fast Gewalt anwenden, um als Fremder so ein Kind zu halten.

Der Sender argumentiert, die Kinder seien sicher gewesen, weil Ärzte, Schwestern und Psychologen bereitstanden.

Es ist für mich unverständlich, dass diese nicht lautstark protestiert haben. Ich bin sicher, die Standesvertretungen werden prüfen, wer mit dem Sender bei diesem unethischen Experiment kooperiert hat.

Was ist mit den Eltern?

Sie haben vermutlich ihrerseits auch keine guten frühen Bindungserfahrungen erlebt. Jede Mutter kämpft darum, ihr Kind nicht weggeben zu müssen.

Und was ist mit all den Frauen, die ihre Babys morgens in der Krippe abgeben?

Kinder können lernen, sich zu trennen. Sie können zu weiteren Personen wie ihrer Krippenerzieherin eine vertrauensvolle Beziehung entwickeln. Das braucht aber vier bis sechs Wochen Zeit der Eingewöhnung. Sie lassen sich nicht zwischen Tür und Angel mal schnell an Fremde abgeben – wenn doch, sind sie wohl in ihrem Bindungsverhalten schon auffällig. Bindungsgestörte Kinder gehen jedem auf den Arm, lassen sich küssen oder trösten. Verhalten sich Ein- oder Zweijährige so, sind wir hochgradig besorgt.

Also ist die zufällige und kurze Betreuung mit abrupter Trennung das gefährliche an diesem Filmprojekt?

Ja, denn es ist keine individuelle Pflege, und es gibt keine Beziehung zu der zufälligen, jugendlichen Pflegeperson.

Liegt hier eine Kindeswohlgefährdung vor?

Wenn die Eltern wider besseres Wissen ihre Kinder weggegeben haben, ist das vorsätzliche Kindeswohlgefährdung. Wahrscheinlich wurden sie vom Sender informiert, dass alles völlig unproblematisch sei, weil Fachleute bereitstünden.

Die Eltern hätten über Kameras stets zuschauen können, wird argumentiert.

Das ist aberwitzig. Die kleinen Kinder können ihre Eltern ja nicht sehen. Die Kameras dienen nur dazu, die Eltern zu beruhigen, tragen aber nullkommanull dazu bei, den Stress der Säuglinge zu lindern. Für sie sind die Eltern einfach nur weg.

Die Eltern hätten eingreifen können.

Stellen wir uns vor, einer der Jugendlichen wäre ausgerastet, weil er das Weinen des Kindes nicht mehr aushielt, und hätte tatsächlich ein Kind geschüttelt. Das Kind hätte eine Augen- oder Gehirnblutung haben können und könnte zeitlebens geschädigt sein. Für die Kinder waren die Vorsichtsmaßnahmen weder real noch emotional ein Schutz.

Die sieben Experten pro Kind auf dem Set wären ein Personalschlüssel, den keine Kita schaffe, war von RTL zu hören.

Noch so ein absurdes Argument. Diese Menschen am Set sind für die Kinder Fremde. Die Kinder werden instrumentalisiert. Schlimm genug, dass in vielen Sendungen Menschen mit ihren emotionalen Innenwelten instrumentalisiert werden. Menschen werden dadurch traumatisiert. Nur können Erwachsene das wenigstens sagen und sich Hilfe holen. Aus der Tierforschung mit Strauchratten wissen wir, dass schon einstündige Trennungen von der Mutter pro Tag gravierende Veränderungen im gesamten Stresssystem bewirken, die lebenslang erhalten bleiben.

Die FSK hat diese Serie als „pädagogisch wertvoll“ eingestuft. Ist sie es?

Nein, weil die unvorbereiteten Jugendlichen dabei selbst unter Stress geraten. Die Idee, Jugendliche auf Elternschaft vorzubereiten, ist grundsätzlich positiv. Das müsste man aber ganz anders gestalten, etwa indem man Jugendliche in einer Familie in die Pflege eines Babys einbezieht, aber nicht nur für ein paar Tage.

RTL ist ein kommerzieller Sender. Glauben Sie, dass Hersteller von Babynahrung bei einer solchen Sendung werben wollen?

Vorab: Ich bin sehr bewegt, dass es eine Protestwelle gibt durch alle Fachverbände einschließlich der Kinderkommission des Bundestages. Erstaunt bin ich, dass es nicht gleich eine Stellungnahme von Familienministerin von der Leyen gab. Aber dass Firmen, die mit ihren Produkten zum Kindeswohl beitragen wollen, mit einer Sendung assoziiert werden möchten, die alle Experten als schädlich einstufen, kann ich mir nicht vorstellen.

Karl-Heinz Brisch lehrt Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Mit Brisch sprach Christine Brinck.


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