Psychopath : Arte-Grüße von Hitchcock

Der australische Dokumentarist Ian Walker versucht ein Porträt eines bekennenden Psychopathen zu erstellen. Er scheitert - doch der Fall ist faszinierend.

Thilo Wydra

Alfred Hitchcock mag mit ihm einen modernen Prototypen geschaffen haben, der nachfolgende Künstler-Generationen nachhaltig beeinflusst hat: die Figur des Norman Bates aus „Psycho“ (1960), kongenial von Anthony Perkins verkörpert, ist psychopathisch strukturiert, schizophren und völlig unemphatisch veranlagt. Eigenschaften, die einen solchen Zeitgenossen nicht eben sympathisch werden lassen. Eigenschaften, die sich auch Sam Vaknin zuspricht, und er bekennt sich gar öffentlich dazu, hat seine eigene Webseite und verfasst Bücher über sich und seine schwere narzisstische Persönlichkeitsstörung. Er mache aus seiner Krankheit Kapital, wie er mehrfach scheinbar leicht und humorvoll in Ian Walkers knapp 90-minütigem Dokumentarfilm „Ich bin ein Psychopath“ bekundet.

Die subtile Masche hat System, und es ist gefährlich, ihm zu glauben oder empfänglich für seine Worte oder Handlungen zu sein. Das muss der australische Dokumentarist Walker am eigenen Leibe erfahren. Die Dreharbeiten mit Vaknin sind von vielen Streitereien, Wutanfällen und Demütigungen begleitet. Am Ende ist der Regisseur nervlich wie emotional ausgelaugt. Sam Vaknin kreist 24 Stunden am Tag wie autistisch um sich selbst, sein Gegenüber ist nur Projektionsfläche. Er ist nie wirklich am anderen interessiert, auch wenn er dies vorgibt. Hochinteressant ist der „Fall Vaknin“ jedoch, da er sich im Gegensatz zu anderen Psychopathen – laut US-Statistik ist einer von 100 Menschen Psychopath – zu erkennen gibt. Im Rahmen der Dokumentation lässt er sich an verschiedenen Universitäten und Fachinstituten in London, Paris, Tübingen untersuchen und filmen. Er will den Wahnsinn in seinem Kopf quasi wissenschaftlich belegen, ihn legitimieren, nicht zuletzt gar für sich selbst.

Vaknin füllt diverse Tests aus, lässt sein Gehirn per Computertomografie analysieren. Ein umfassendes Porträt gelingt Ian Walker dennoch nicht, was freilich in der Natur der Sache liegt: Wenn hier jemand inszeniert und Regie führt, dann ist es Sam Vaknin selbst. Man kann ihm nicht nahekommen. Alfred Hitchcock drehte 1972 seinen vorletzten, 52. Film in London, „Frenzy“. Darin geht es um einen Psychopathen, der in den Obst- und Gemüsehallen des Viertels Covent Garden sein perfides Unwesen treibt. Auch er scheint nicht fassbar, nicht greifbar zu sein. Eine faszinierende Seelenstudie des Master of Suspense. Sam Vaknin müsste Hitchcock-Filme lieben.

„Ich bin ein Psychopath“, 22 Uhr 30, Arte

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