Medien : Psychotherapeuten küsst man nicht

Der Kieler „Tatort“-Kommissar Borowski wird milder – und Axel Milberg hat Sehnsucht nach Schweden

Simone Schellhammer

Der zweite Fall des Kieler Kommissars Borowski (Axel Milberg) bemüht sich um viel Lokalkolorit. Er spielt im ruppigen Werftarbeitermilieu, man trägt dicke Rollis, trinkt Friesentee, stochert im Labskaus und spricht in maritimen Bildern. Statt „Wir sind am Ende“ heißt es dann „Wir sind am Poller“. Untermalt werden die Szenen mit nordischen Sounds, so dass man fast erwartet, gleich einen Elch um die Ecke biegen zu sehen.

Auf der Kieler Ostendorf-Werft wird gestreikt, denn Besitzer Felix Ostendorf (Felix Eitner) will wegen Subventionskürzungen fünfzig Leute entlassen. Die Nerven liegen blank. Betriebsratssprecher Bruhns (Bruno F. Apitz) zeigt sich kompromisslos, hat aber die Liste der Kollegen, die es treffen soll, zumindest aufgestellt. Am nächsten Morgen liegt er erschlagen auf einem Arbeitsfloß. Musste er sterben, weil er der Firmenleitung im Weg war? Kommissar Borowski durchkämmt inmitten der aufgeladenen Atmosphäre die Belegschaft. Verdächtig sind zunächst Chef Ostendorf und Bruhns’ Stellvertreter Heise, der sich bei der Firmenleitung anbiedert. Dann fällt Borowski die hübsche Chefsekretärin Tatjana (Stefanie Stappenbeck) ins Auge. Offenbar hatte sie sich mit Bruhns eingelassen, um zu verhindern, dass ihr lebensuntüchtiger Bruder Benno (Arndt Schwering-Sohnrey), mit dem sie zusammenwohnt, auf seine Liste gerät – sehr zum Ärger ihres eifersüchtigen Freundes Holger, der auch auf der Werft arbeitet. Es bestehen also genügend Verdachtsmomente für einen soliden Ratekrimi.

Neben der Suche nach dem Mörder wird der Charakter des Kommissars weiter ausgearbeitet. Die Beziehung zu seinem Assistenten Zainalow (Mehdi Moinzadeh), der den jungdynamischen Aufsteiger gibt und von seinem Chef milde getriezt wird, ist weiterhin recht amüsant. Borowski behält seine griesgrämigen Eigenarten bei, tritt aber weniger schroff auf. Die erfreuliche Wandlung verdankt er wohl den therapeutischen Fähigkeiten von Polizeipsychologin Frieda Jung (wunderbar: Maren Eggert), mit der er weiterhin reizvolle, kleine Kämpfe ausficht.

Merkwürdig in die Hose geht allerdings ein Flirtversuch mit der Frau des Werft-Chefs (Verana Araghin). Regisseurin Christine Hartmann („Die Eltern der Braut“) inszeniert dieses erste Zusammentreffen von Blicken als hemmungslose Hingabe, die weder dem eigenbrötlerischen Kommissar noch der Situation im Büro des Ehemannes angemessen ist. Als entflammten Liebhaber möchte man sich Borowski denn auch besser nicht vorstellen. Da soll er lieber seine nordische Unterkühltheit behalten.

Die Zeichen dafür stehen gut. Denn Axel Milberg hat für seine Figur noch ein paar nette Ideen parat. „Ich fände es zum Beispiel schön“, sagt er, „wenn die Spur eines Täters mal nach Skandinavien weisen würde und mein Borowski die Fähre nach Schweden nimmt. Dorthin, wo er vielleicht den Kurt Wallander trifft.“ Tatsächlich wäre die Nähe zu dem misanthropischen Kommissar aus Schonen für einen der nächsten Fälle durchaus vielversprechend. Und vielleicht ließe sich dann auch noch ein Elch einbauen.

„Tatort: Schichtwechsel“, ARD, 20 Uhr 15

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