Medien : Pubertät und Politik

RTL entdeckt, wie lustig die DDR war

Gunnar Decker

Die beiden Damen von „RTL Kommunikation“ sind Mädels und heißen Tina und Mandy. Natürlich haben sie auch Nachnamen, aber sie sehen eher aus, als ob ihnen ihre Vornamen genügen würden. Tina hat dunkle Haare und einen tollen Hüftschwung, trägt tigergefleckt unter dem weißen Jackett, sogar die Sandalen passen dazu. Jetzt könnte man den Filmplakatespruch von „Kleinruppin forever“ anbringen: Wo wart ihr in den 80ern? Aber das hier ist keine Disco, auch wenn Tina vor der Spiegelwand des Grünen Salons der Volksbühne viel Spaß „bei unserem Piloten“ wünscht, sondern eine Produktpräsentation von RTL.

„Meine schönsten Jahre“, so heißt, worum sich hier alles dreht. In acht Folgen sehen wir, was das Jahr 1983 für den 13-jährigen Karl Treschanke so bietet. Nichts Aufregendes, nur den normalen DDR-Alltag mit Sandmännchen, Pioniertuch und Westpaket. Aber das ist ja heute schon aufregend genug. Die DDR gibt es nicht mehr, aber RTL ist ein unbedingt vollgültiger Ersatz. Wie zackig da die Fahnenappelle ablaufen! Da spürt man, was die RTL-DDR der Real-DDR voraushat: den Optimismus. Dafür fehlt’s hier an Sinn für die stille Sabotage, die ironisch-skeptische Distanz zu dem, wogegen man nicht offen rebellieren konnte. Abstand halten war Schwerstarbeit. Dieser Vorbehalt in jede offen demonstrierte Zustimmung, das Misstrauen in jeden noch so harmlosen Jubel, der böse Heiner-Müller-Blick überhaupt, er blühte in den 80er Jahren. Nicht Rebellion, eher so wie Ernst Jünger einmal sagte: Beibehaltung der äußeren Rituale bei Verweigerung der inneren Anteilnahme. Die 80er Jahre waren vor allem eins: stoisch.

Thomas Brussig und Leander Haußmann haben dieses Gefühl mit „Sonnenallee“ präzise beschrieben. Nun geht es ihnen wie Jack Lemmon und Walter Matthau nach dem Erfolg von „Ein seltsames Paar“: Ein Remake jagt das andere, eins schwächer als das andere. Das ist in Ordnung. Die DDR wird nicht als Folklore-Artikel missbraucht. Sie ist nicht viel mehr als bloße Folklore. Lieber Party in Ruinen als jener Abgesandte der Birthler-Behörde, der sich bei ähnlichem Anlass mit Kämpfermiene empörte, das Zeigen von DDR-Symbolen sei verfassungsfeindlich. Wenn es um die DDR geht, kommt man ohne bestimmte Requisiten nicht aus. Nichts stachelt die Fantasie mehr an als Requisiten untergegangener Reiche. Originell ist „Meine schönsten Jahre“ nicht. Auch die DDR war nicht so wahnsinnig originell. Als Zeitvertreib ist es solide. Wenn Karl, um seiner ersten Liebe zu imponieren, „Die Bürgschaft“ von Schiller für den Fahnenappell auswendig lernt, ist das fast schon Bildungsfernsehen bei RTL.

„Meine schönsten Jahre“, RTL,

21 Uhr 15

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