QUIZSHOW : Die letzte Frage

Zehn Jahre „Wer wird Millionär?“. Günther Jauch ist die perfekte Besetzung – aber wie lange noch?

Thomas Gehringer
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Zeremonienmeister. Günther Jauch hilft den Kandidaten, aber nur, wenn er will. -Foto: dpa

816 Folgen, 1700 Kandidatinnen und Kandidaten, 20 Null-Euro-Flops, acht Millionäre und immerhin 49 Versuche, die Millionenfrage zu beantworten. Darunter diese: „Wer stellt in einem Gedicht fest: ,Der Fußballwahn ist eine Krankheit, aber selten, Gott sei Dank!’?“ Der Kandidat war unsicher und tippte auf Kurt Tucholsky. Die richtige Antwort lautete: Joachim Ringelnatz. Der Kandidat hieß: Günther Jauch. Die Show hieß (und heißt): „Wer wird Millionär?“.

Hape Kerkeling alias Horst Schlämmer hatte ihn bereits drei Jahre vor dem WWM-Abklatsch „5 gegen Jauch“, mit dem sich der Moderator jüngst auch als Produzent ein Stück vom Quiz-Erfolgskuchen sicherte, zum Rollentausch genötigt. „Jetz wirste gegrillt“, kündigte Schlämmer an. Und – egal, ob es abgesprochen war oder nicht – Jauch durchlebte im Sommer 2006 die Leiden eines verunsicherten Kandidaten. Er grübelte, wand sich und bekam dafür von Kerkeling das Echo seiner eigenen Kommentare zu hören: „Ich schlafe gleich ein. Jetz konzentrier dich, Herr Jauch!“

Dieser Satz passt auch gut zum Jubiläum, zu zehn Jahren „Wer wird Millionär?“. Von Abschied wird gesprochen im Hause Jauch, das wissen wir seit einem Interview im „Zeit“-Magazin. „Ich bin neugierig darauf, mal ein halbes oder ein ganzes Jahr auszusteigen. Ich habe keine Ahnung, wie das ist. Aber eines weiß ich: Es wird weniger werden mit mir im Fernsehen.“ Er wirkte müde, an sich selbst zweifelnd: „Was ich gemacht habe, ist nichts Bleibendes“, sagte der Mann, den halb Deutschland zum Kanzler wählen würde. Jauch ist 53 Jahre alt, seine Karriere trotz all der Erfolge noch unvollendet. Die Abrundung seiner als Mitarbeiter beim Rias in Berlin begonnenen Laufbahn hätte die Nachfolge von Sabine Christiansen in der ARD sein können. Doch Jauch schlug das Talk-Angebot aus. Das „I“ in seiner Produktionsfirma I & U (Information und Unterhaltung) ist klein geraten. Der Produzent Jauch verantwortet Shows, wohin das Auge blickt, von „Hallo Taxi“ bis zur „Uri-Geller-Show“. Dem Journalisten Jauch ist das Boulevardmagazin „Stern TV“ geblieben. Jauch behauptete in der „Zeit“, er sei der Klaus Bednarz von RTL – „nur ohne Pullover“. Stimmt, er moderiert „Stern TV“ seit 1990 und damit länger, als Bednarz „Monitor“ moderiert hat. Stimmt nicht, die Relevanz des ARD-Magazins hat „Stern TV“ nie erreicht.

Dass er nun „nichts Bleibendes“ geleistet habe, ist aber vielleicht doch etwas zu grüblerisch. Jede Zeit, so scheint''s, hat ihr Quiz-Format: Heinz Maegerleins „Hätten Sie’s gewusst?“ in den Sechzigern des vorigen Jahrhunderts, Wim Thoelkes „Der große Preis“ in den Siebzigern und Achtzigern und natürlich der Dauerbrenner „Was bin ich?“ mit Robert Lembke. „Wer wird Millionär?“ weckte nicht nur das in den Neunzigern sanft entschlummerte QuizGenre wieder zum Leben, sondern war auch das erste globale Fernsehprogramm. Die in Großbritannien entwickelte Show ist in 106 Länder verkauft worden und sieht überall dank eines übereinstimmenden Designs und exakt vorgeschriebener Abläufe nahezu identisch aus – auch wenn RTL manchen Schnickschnack wie einen zweiten Publikumsjoker, Blind Dates und Familien-Specials hinzugefügt hat. Es ist das Quiz zur Globalisierung, und die Moderatoren sorgen für eine Art nationaler Temperatur. Die Dramaturgie des Oscar-Gewinners „Slumdog Millionaire“ verstand die halbe Welt auf Anhieb. Nur das Verhalten des indischen Moderators war ein bisschen irritierend.

Dagegen ist Günther Jauch bei diesem Format, bei dem es doch nur darum geht, möglichst viel Geld mit nach Hause zu nehmen, die perfekte Besetzung. Er erscheint vielen Deutschen so seriös und sympathisch, da kommt gar kein Gedanke an das hässliche Wort „Gier“ auf. Auch wenn sich gewisse Abnutzungserscheinungen nicht von der Hand weisen lassen, wenn der Moderator bei langweiligen Kandidaten sehr genervt wirken kann, lockt er mit Charme immer wieder Kandidaten aus der Deckung und schafft eine angenehme Atmosphäre.

Jauch hat Fernsehgeschichte geschrieben. Aber Jauch, der Unvollendete, will mehr sein als der Lieblings-Quiz-Onkel des Publikums. Vielleicht ist es Zeit für einen Tapetenwechsel. Vor 20 Jahren unterzeichnete er seinen ersten Vertrag mit RTL, aber das muss ja keine Ehe für die Ewigkeit sein. Fürs ZDF saß er kürzlich in der Jury der Polit-Show „Ich kann Kanzler“. Vielleicht ein Anfang. Jörg Pilawa, der ihm mit seinem Quiz in der ARD nie das Wasser reichen konnte, wechselt zum ZDF. Eine interessante Lücke, die sich da auftut, aber eine Lücke, für die Jauch eigentlich zu groß ist.

Bis auf weiteres moderiert Jauch also „Wer wird Millionär?“, das im ersten Jahr bis zu 16 und in der letzten Staffel noch bis zu neun Millionen Zuschauer hatte. Er habe noch sehr viel Spaß an WWM, auch wenn er nicht glaube, noch einmal zehn Jahre voll zu bekommen, sagt Jauch. Am 11. September geht es weiter.

„Wer wird Millionär“, Freitag, RTL, 20 Uhr 15

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