Rad-Berichterstattung : Tour privat

Die öffentlich-rechtlichen Sender haben die Live-Berichterstattung über die Tour de France abgegeben - und Sat 1 hat ohne Zögern zugegriffen. Damit landete der Privatsender, der erst vor ein paar Tagen Entlassungen und die Einstellung von Formaten bekannt gab, den Mediencoup der Woche.

Markus Ehrenberg,Kurt Sagatz
Tour de France Foto: Sat 1
Bonjour! Nun also die Kommentatoren Timon Saatmann (li.) und Mike Kluge, statt Peter Leissl (ZDF) und Florian Kurz (ARD). Am...Foto: Sat 1

Die Überraschung war perfekt: Einen Tag, nachdem die beiden öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF wegen der Dopingvorwürfe gegen T-Mobile-Fahrer Patrik Sinkewitz den Ausstieg aus der Tour-Berichterstattung verkündet hatten, landete Sat 1 am Donnerstag den Mediencoup der Woche, wenn nicht sogar des Jahres. Der Berliner Privatsender, gerade erst mächtig gescholten wegen der Einstellung mehrerer Nachrichten- und Boulevardsendungen, hat die Tour- Rechte erworben und „steigt mit sofortiger Wirkung in die Berichterstattung der Tour de France ein“, erklärte Sat 1 über ein Laufband im eigenen Programm am Donnerstagnachmittag.

Um 15 Uhr meldete sich N24-Sportchef Timon Saatmann mit den Worten „Herzlich willkommen bei der Tour de France und Sat 1“ zu Wort. Sein Co-Kommentator Mike Kluge, dreifacher Radcross-Weltmeister und Mountainbike- Weltcup-Sieger, freute sich, dass es weiterhin Livebilder von der Tour gebe, auch wenn sich diese nicht von der Übertragung auf Eurosport unterscheiden. „Jeder Zuschauer kann selbst entscheiden, was ihn interessiert“, sagte Kluge. „Der Radsport ist auf dem richtigen Weg, auch weil das Anti-Doping-Netz immer enger werde. Die Tour nicht mehr zu übertragen, ist die falsche Entscheidung. Dies ist die sauberste Tour, die jemals ausgetragen wurde“, sagte der Sat-1-Kommentator, bevor er sich wieder der laufenden Etappe zuwandte.

Der Kommentar zum Sat-1-Tourbericht am Mittwoch von der 11. Etappe von Marseille nach Montpellier kam noch aus Berlin, wegen der „Kurzfristigkeit der Entscheidung“. Von Freitag an wird der Sender mit einem Team vor Ort sein. N24-Reporter Matthias Herreiner hatte bereits zuvor für den Nachrichtensender von der Tour berichtet, ein Satellitenwagen hat sich am Donnerstag auf den Weg gemacht. „Ich bin sehr froh, dass wir so kurzfristig eines der weltgrößten Sportereignisse zeigen können. Alle, die dem Radsport verbunden sind, haben eine gute Berichterstattung verdient“, sagte Sat-1-Chef Matthias Alberti. Anfangs merkte man den beiden Kommentatoren zwar noch an, dass etwas mehr Vorlauf hilfreich gewesen wäre, später fielen die ungewohnten Werbepausen auf. Am Samstag wird die Tour nicht bei Sat 1 gezeigt, weil der Sender an diesem Tag wie vorgesehen Fußball, den Premiere-Ligapokal (ab 15 Uhr), ausstrahlen wird. Das Einzelzeitfahren am Sonnabend wird auf Pro 7 zu sehen sein. Zusätzlich zur Liveberichterstattung auf Sat 1 wird N24 an allen Renntagen um 19 Uhr 30 eine Zusammenfassung des Tages zeigen.

Für ARD und ZDF gibt es keinen Weg zurück zur Tour. Thomas Gruber, Intendant des Bayerischen Rundfunks, der derzeit als Vertreter von Fritz Raff vom Saarländischen Rundfunk die Geschäfte der ARD führt, antwortete dem Tagesspiegel auf die Frage, wie lang der Tour-Medienboykott von ARD/ZDF dauere: „Das hat sich durch die Meldung von Sat 1 erledigt.“ ARD und ZDF haben am Donnerstag die Tour-Rechte zurückgegeben. Laut ZDF-Sprecher Alexander Stock denke man nicht an Regressansprüche gegenüber dem Tour-Organisator. Die Rechte für die Übertragung 2008 liegen weiterhin bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. Es wäre naiv zu glauben, dass nur im Radsport gedopt werde, sagte Gruber: „Auch andere Sportarten haben, vor dem Hintergrund unserer Entscheidung, allen Grund zur Nachdenklichkeit. Der Druck, für sauberen Sport zu sorgen, ist durch unseren Rückzug von der Tour auch auf andere Sportarten gewachsen.“ Ob das nicht Konsequenzen für die Übertragung der Olympischen Sommerspiele 2008 haben müsse, wo mit Gewichtheben, Schwimmen oder Kugelstoßen dopingverdächtige Sportarten auf dem Programm stehen, wollte Gruber nicht kommentieren.

Vom Ausstieg der öffentlich-rechtlichen Sender hat bereits am Mittwoch, dem ersten Tag des Medienboykotts bei ARD und ZDF, Eurosport profitiert. Der Spartensender überträgt weiterhin live. Die Einschaltquoten stiegen auf das Dreifache gegenüber dem Vortag an. Nach Angaben des Senders verfolgten im Schnitt 931 000 Zuschauer die Übertragung von der 10. Etappe. „Wir freuen uns, wenn die Zuschauer bei uns einschalten und mit unserer Berichterstattung zufrieden sind“, sagte Eurosport-Sprecher Werner Starz .

Die nach dem TV-Stopp von den beiden deutschen öffentlich-rechtlichen Sendern ausgestrahlten Sondersendungen zu dem vorläufigen Rückzug fanden ein noch größeres Interesse unter den TV- Zuschauern. Durchschnittlich eine Million Zuschauer sahen am Nachmittag „Sportschau live“ in der ARD. 2,24 Millionen Menschen verfolgten am Abend das ZDF-Spezial zur Tour. (mit dpa)

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