Radio : Der perfekte Sonn-Talk

Bettina Rust moderiert eines der Vorzeigeformate von Radio Eins - und kommt wieder ins Fernsehen

Frederik Hanssen
Rust
Missglückt: Die Sat-1-Gesprächsrunde "Talk der Woche". -Foto: ddp

Bettina Rust ist dafür bekannt, dass sie ihren Talkgästen Details aus ihrem Privatleben entlockt, die diese eigentlich gar nicht preisgeben wollten. Also gleich heraus mit der Sprache: Ja, ich habe die Geschwindigkeitsbegrenzungen auf deutschen Autobahnen missachtet, um bei einer Fahrt von Hamburg nach Berlin rechtzeitig zum Start der „Hörbar Rust“ das Sendegebiet des RBB zu erreichen. Was Bettina Rust da nun schon seit fünf Jahren sonntags von 14 bis 16 Uhr auf Radio Eins macht, liest sich auf dem Papier nicht besonders aufregend: Die Moderatorin hört mit einem Prominenten dessen Lieblingssongs an und lässt sich zwischen den Stücken Anekdoten erzählen. Wie sie es aber macht, das ist im deutschen Hörfunk außergewöhnlich. Bettina Rusts Nachmittagsunterhaltung ist eine Sendung zum Hinhören, nicht nur „Tagesbegleitprogramm“. Keine akustische Tapete für Menschen, die sich anderen Dingen widmen, während das Radio läuft. Nein, wenn eine Person des öffentlichen Lebens an der „Hörbar Rust“ Platz genommen hat und die 40-jährige Journalistin mit ihrer freundlichen Fragerei beginnt, fühlt man sich auch jenseits des Lautsprechers in das Gespräch hineingezogen. Im Idealfall ist das wie bei einem Plausch unter Freunden in der Kneipe: so gesellig, dass man den Eindruck hat, man könne sich jederzeit mit eigenen Wortbeiträgen in den Dialog einklinken. Manchmal aber, wenn sich die Sache zu sehr ins Intime dreht, kann es für den Zuhörer fast peinlich werden – als belausche man ein absolut nicht für andere Ohren bestimmtes Gespräch am Nachbartisch.

Bettina Rust ist sich dieser Gratwanderung am Rande des Indiskreten durchaus bewusst: „Manche Gäste öffnen sich so sehr, dass ich Angst habe, sie verlassen das Studio mit einem mulmigen Gefühl, weil sie zu viel erzählt haben.“ Selbst einer so ausgebufften Profitalkerin wie Sandra Maischberger ging es so bei ihrem Besuch in der „Hörbar Rust“. Dafür „rächte“ sich Maischberger an ihrer Kollegin bei einer Gala zum fünften Geburtstag der Radiosendung am vergangenen Donnerstag im Berliner Tipi am Kanzleramt und legte live vor mehreren hundert Fans die Vergangenheit der Jubilarin offen. Zum Beispiel, dass die 1967 in Hannover geborene Zahnarzttochter standesgemäß von den Eltern auf ein erzkonservatives Mädchengymnasium geschickt wurde, in ihrer Freizeit aber lieber mit den Punks der niedersächsischen Landeshauptstadt abhing. Das seien allerdings wirklich liebe Typen gewesen, mit so schnuckeligen Spitznamen wie „Zewa“ oder „Sperma“, sagt Bettina Rust.

Typisch Rust – die attraktive Blondine mit der Traumfigur ist vor allem eins: pragmatisch. Dass sie zugibt, am liebsten bei H & M einzukaufen, zeigt das ebenso wie die Tatsache, dass sie nach dem Abitur überhaupt keine Ahnung hatte, wie ihre Zukunft aussehen sollte. Bettina Rust ist ein positiver Typ, aber sie hat keine Ambitionen, im Premiumsegment mitzumischen. Sie kommt ohne Prada aus und auch ohne Pulitzerpreis, lässt das Leben auf sich zukommen. Menschen, die in den Medien etwas zu sagen haben, nennen das gerne „authentisch“. Als die Studentin, die sich in Sozialpsychologie, Germanistik und Marketing versucht, 1992 ein Praktikum beim Hamburger Privatsender „OKRadio“ macht, bekommt sie die Chance, die Rubrik „Kulturtipps“ zu sprechen. Sie ist ahnungslos, aber locker. Das gefällt dem Chef, er gibt ihr eine spätabendliche Sendung, bei der Hörer anrufen können, um ihren Seelenmüll abzuladen. Kurz darauf ruft auch der Fernsehsender Premiere an, verpflichtet sie für den unverschlüsselt empfangbaren „0137 Nighttalk“. 1995 wechselt sie zum Frauensender TM3, moderiert dann den täglichen „Lifeguide“ auf Kabel eins, steigt schließlich als Mädchen für alles bei Sat 1 ein.

Den perfekten Job hat sie zwar schon seit 2002, eben die „Hörbar Rust“ auf Radio Eins, doch 2005 folgte ein Karriereknaller. Sat 1 bot Bettina Rust einen TV-Talk an: auf einem Spitzensendeplatz, sonntags, in direkter Konkurrenz zu Sabine Christiansen. Ein verlockendes, brutales Angebot, sind der glühenden „Tatort“-Verehrerin doch die letzten Stunden des Wochenendes eigentlich heilig. Von Freunden mit hohem Ehrgeizquotienten gedrängt, nimmt Bettina Rust das Angebot an – und wird von Sat 1 wegen desaströser Quoten nach zehn Folgen wieder aus dem Programm gekippt.

Hörbar Frust? „Die Sache hat ihre Chance gehabt, es hat nicht funktioniert, das war es“, gibt die Geschasste anschließend in der „Zeit“ zu Protokoll, worauf der auf eine Das-hat-mein-Leben-verändert-Story erpichte Interviewer seufzt: „Sie erzählen das alles so, als wäre es nicht ihnen passiert, sondern einer anderen Person.“ So aber tickt Bettina Rust. Und diese positive Energie macht ja gerade ihre Anziehungskraft aus. Ihr Lieblingssong ist „Schöner Tag“ von Keimzeit. Nur jemandem mit einer so entspannten Lebenseinstellung können entspannende Sendungen wie die „Hörbar“ gelingen. Alles andere wird sich dann schon ergeben.

Und tatsächlich: Plötzlich klopft das Fernsehen dann doch wieder an. Der RBB lässt derzeit bei einigen „Hörbar“-Aufzeichnungen probeweise Kameras mitlaufen und zeigt dann ein Best-of des zweistündigen Talks in der Nacht zu Montag im Dritten. Das führt zwar zunächst zu seiner Persönlichkeitsspaltung, denn diese Woche ist im Radio Helge Schneider der Gast, im TV aber Bully Herbig – auf die Dauer aber könnte sich so vielleicht doch wieder die alte Freundschaft zwischen Bettina Rust und dem Fernsehen etablieren. Die Botschaft bei der Feier zum fünfjährigen „Hörbar“-Jubiläum am Donnerstag jedenfalls lautete – aus dem Saal wie auf der Bühne – ganz unzweideutig: „Fahr fort, Betty!“

„Hörbar Rust“, RBB, 0 Uhr 20

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