Radio-Kolumne : Arno Schmidt und andere Rätsel

Tom Peuckert verrät, was Sie nicht verpassen sollten: Das Beste aus dem Hörfunk.

Tom Peuckert

Die Haushälterin berichtet von Schnaps und Pulverkaffee. Beides in rauen Mengen vom Dichter genossen, während der Arbeit im Dachstübchen, mit Blick über die einsame Heidelandschaft. Die Haushälterin hatte am nächsten Tag die leeren Flaschen und Schachteln sehr diskret zu entsorgen, danach wurde Mittagessen gekocht, wobei jede Überraschung peinlichst zu vermeiden war. Der Feature-Autor Uwe Stolzmann ist noch einmal in die Lüneburger Heide gefahren, um einiges über das Leben des größten Einsiedlers der deutschen Literatur zu erfahren. Kein besonders glückliches Leben, das dieser Arno Schmidt (1914 bis 1979) geführt hat, nur das gewaltige schriftstellerische Werk vermag den finsteren Einsamkeits- und Mitweltverachtungsekstasen vielleicht den tieferen Sinn zu geben. „Der Rebell aus dem Heidedorf“ hat Uwe Stolzmann sein Porträt eines tragischen Dichters genannt, wie es im Nachkriegsdeutschland keinen zweiten gegeben hat (Kulturradio vom RBB, 3. Juni, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Vor gut 160 Jahren bekam ein kleiner Junge in Frankfurt ein originelles Weihnachtsgeschenk. Sein Vater hatte für ihn Bildergeschichten gezeichnet und lustige Reime dazu gedichtet. Es ist nicht überliefert, ob das Kind über das Geschenk erfreut gewesen ist, aber Generationen von Nachgeborenen haben daran ihr größtes Vergnügen gehabt. Gemeint ist natürlich Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter“, das erfolgreichste Kinderbuch der deutschen Literatur. Zu Hoffmanns 200. Geburtstag lässt Sabine Appelt im Feature „Vom Umgang mit bösen Buben“ die ganze spektakuläre Geschichte noch einmal Revue passieren. Der berühmte Langhaarige und seine Kameraden haben ja nicht nur Kinder in Bann geschlagen, sondern auch Philosophen, Psychologen, Politiker und Pädagogen. Appelt erzählt von Exegesen und Interpretationen, von Nach- und Umdichtungen, von jauchzender Zustimmung und erbitterter Kritik (SWR 2, 7. Juni, 14 Uhr 05, Kabel UKW 107,85 MHz).

In die fabelhafte Welt der modernen Astrophysik entführt Matthias Eckoldts Feature „Das Universum ist ein Rätsel“. Dank Einstein’scher Theoriearbeit und der Beobachtungskünste des Hubble-Teleskops wissen die Astrophysiker heute vor allem eines genau: wie wenig ihnen von den Gesamtabläufen im physikalischen Kosmos bisher bekannt ist. Weit mehr als sichtbare Materie gibt es da draußen etwas, das die Physiker dunkle Materie und dunkle Energie nennen. Kosmische Kräfte, die bisher nur an ihren gewaltigen Wirkungen erkannt werden, denen aber alles, sogar die komplette Abkehr von den bisher gültigen physikalischen Gesetzen, zuzutrauen ist. Eckoldts Feature referiert nüchterne astrophysikalische Erkenntnisarbeit, ist aber so spannend wie beste Science-Fiction-Literatur (Kulturradio vom RBB, 8. Juni, 19 Uhr 04).

Die schöne Ostseeinsel Hiddensee ist jede Reise wert. Romantische Strände, sanfter Tourismus, eine Vergangenheit als Künstlerkolonie. Wer noch nie da gewesen ist, kann die lokalen Verhältnisse vorab mithilfe eines Kriminalhörspiels erkunden. Naturgemäß geschehen im Krimi Dinge, die von den Fremdenverkehrsämtern lieber verschwiegen werden. In Werner Buhss’ Hörspiel „Fischer sin Frau“ geht es um schöne Frauen und hässliche Affairen. Die Kripo Stralsund findet die Leiche eines Urlaubers am Strand. Der Mann hatte eine Affäre mit einer Inselschönheit, die allerdings mit dem Sohn einer angesehenen Eingeborenenfamilie verheiratet ist. Scheinbar geht es um Rache. Aber dann kommt alles anders als gedacht (Deutschlandfunk, 8. Juni, 21 Uhr 33, UKW 89,6 MHz).

Vor rund hundert Jahren hat Sigmund Freud ein allgemeines Unbehagen in der Kultur diagnostiziert. Wer in der sozialen Welt Erfolg haben will, muss auf viele gute Dinge verzichten, etwa auf direkte Wege zur Bedürfnisbefriedigung oder das ungenierte Bekenntnis zu den inneren Trieben und Lüsten. Das Ergebnis, so Freud, ist eine beträchtliche neurotische Spannung im kulturellen Gehäuse. Aber in den letzten Jahrzehnten gab es im Westen weitgehende Versuche, die Kultur weniger repressiv zu gestalten. In seinem Radioessay „Das Behagen in der Kultur“ untersucht Autor Manfred Schneider die Gegenkräfte zu Freuds Diagnose. Der Trend im öffentlichen Leben, in den Medien, in der Erziehung geht hin zu mehr existenzieller Wellness. Blüht uns damit tatsächlich ein neues kulturelles Glück? Oder führt die neue Freiheit doch nur zu immer neuen Konflikten und Paradoxien? (SWR 2, 8. Juni, 22 Uhr 05)

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