Radio : Mit Tonbändern zum Klassentreffen

Tom Peuckert verrät, was Sie im Hörfunk nicht verpassen sollten

Tom Peuckert

In den sechziger Jahren findet die Verbreitung des privaten Tonbandgeräts in Deutschland ihren Höhepunkt. Zumindest im Westen besitzen die meisten Haushalte so einen Apparat, mit dem gern und häufig das Familienleben dokumentiert wird. Autor Hermann Bohlen hat folgerichtig den Geist der deutschen Sechziger aus altem Tonbandmaterial zu rekonstruieren versucht. „Sag doch auch mal was! Oder: Das Luxurieren der Bastarde“ heißt seine wunderbar verschrobene Collage aus O-Tönen von alten Bändern, die er auf Flohmärkten gefunden hat. Ein akustischer Streifzug durch deutsche Privatarchive, die Sechziger als Wundertüte voller Lebensgeschichten (Deutschlandradio Kultur, 11. November, 21 Uhr 33, UKW 89,6 MHz).

Im Staatstheater zu Stuttgart feiern sie Schillers 250. Geburtstag mit einer Revue der besonderen Art. Unter dem Titel „Alles rennet, rettet, flüchtet“ präsentiert eine handverlesene Schauspielerschar das Balladenwerk des Großdichters und Menschenverbesserers. Was einst jeder deutsche Schüler einzustudieren hatte, wird hier noch einmal glanzvoll auf die Bühne geholt. Corinna Harfouch, Angela Winkler, Jürgen Holtz deklamieren Glocke und Handschuh, auch Entertainer Harald Schmidt hat sich zum Minnedienst überreden lassen. Das Radio überträgt den Festakt live und bittet dazu Schiller-Forscher aller Disziplinen zum Gespräch (SWR 2, 13. November, ab 20 Uhr 03, Kabel UKW 107,85 MHz).

Ein alter Mann kehrt nach langer Abwesenheit in sein Haus zurück. In diesen Wänden hat er als Kind gelebt, hier wohnten Eltern und Großeltern. Ein Gedächtnispalast ist dieses Haus, mit jedem neuen Raum betritt der Alte einen neuen Raum seiner Erinnerung. Das Haus führt ihn zurück in die Abgründe der deutschen Geschichte, aber auch zu ganz privaten Ängsten vor Sprach- und Gedächtnisverlust. „Unterwegs im Haus“ heißt Jürgen Beckers Monolog für einen alten, erinnerungstrunkenen Mann, den Otto Sander mit großer Eindringlichkeit zu Gehör bringt (Deutschlandfunk, 14. November, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

In Matthias Baxmanns amüsanter Serie von Kurzhörspielen „Made in GDR“ kommt der Ossi zu Wort. Hier spricht er aus, was ihn zwanzig Jahre nach dem Untergang seiner alten Heimat in tiefster Seele bewegt. Die Gefühle des Verlustes, das trotzige Beharren auf der alten Identität, manchmal auch die selbstironische Reflexion seiner Nostalgieseeligkeit. Autor Baxmann hat Ostprodukte-Messen besucht, Jugendweihefeiern belauscht, mit Händlern gesprochen, die DDR-Devotionalien vertreiben. Hinter allem steht die zutiefst menschliche Suche nach der verlorenen Zeit, die dem Ossi zuweilen ja ganz besonders verloren scheint (Kulturradio vom RBB, 16. – 20. November, jeweils 14 Uhr 10, UKW 92,4 MHz).

Ausgerechnet im Lokal „Reiche Ernte“ soll das Wiedersehen gefeiert werden. Vor einem Vierteljahrhundert hat man gemeinsam die Schule beendet, nun steht ein Klassentreffen ins Haus. Die Hauptfigur in Steffen Thiemanns Hörspiel „Erntelied“ wird von der Einladung zum Klassentreffen in eine melancholische Nachdenklichkeit gestürzt. Die Kindheit im Osten, die Jahre des Übergangs zwischen alter und neuer Welt, die gemischten Gefühle auf der Hälfte des Lebens. Der Mann ist unterwegs in die Stadt seiner Jugend. Warum er dann doch nicht in der „Reichen Ernte“ auftauchen wird, erklärt uns sein lakonischer Monolog (Deutschlandfunk, 17. November, 20 Uhr 10).

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