Radio-"Tatort" : Mord im schalltoten Raum

Christiane Paul und Peter Lohmeyer stehen für einen Berliner Radio-„Tatort“ gemeinsam vorm Mikrofon. An ihre erste berufliche Begegnung erinnert sich die Berlinerin noch lebhaft.

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Vor der Kamera haben Christiane Paul und Peter Lohmeyer schon einiges erlebt. Im Kriminalhörspiel kommt es auf jeden Zwischenton an. Foto: Oliver Ziebe/RBB
Vor der Kamera haben Christiane Paul und Peter Lohmeyer schon einiges erlebt. Im Kriminalhörspiel kommt es auf jeden Zwischenton...Foto: rbb/Oliver Ziebe

Vor der Kamera haben Christiane Paul und Peter Lohmeyer schon häufiger zusammen gespielt. Besonders lebhaft erinnert sich die Schauspielerin an die erste gemeinsame Szene in der Komödie „Mammamia“. „Wir hatten uns gerade kennengelernt und mussten direkt eine Liebesszene spielen“, erzählt die Berlinerin. Und weil sich Peter Lohmeyer am Tag zuvor beim Fußballspielen ein blaues Auge eingefangen hatte, das trotz Maske noch zu sehen war, musste die Nacktszene überdies wiederholt werden, ergänzt der Schauspieler. In dieser Woche traten beide erneut zusammen auf, diesmal allerdings vor dem Mikrofon bei den Aufnahmen für den neuen Radio-„Tatort“ des RBB.

In der Produktion „Du bist tot“, die vom 12. bis zum 17. Juni in den ARD-Sendern läuft, spielen Paul und Lohmeyer das Ehepaar Lisa und Jürgen Steiner. Der neue Berliner Radio-„Tatort“ führt in die Welt von Hightech und Universitäten, in der es nicht nur um die hehren Ziele der Wissenschaft geht, sondern genauso um sehr profane Machtkämpfe. In dem von Wolfgang Zander verfassten Krimi leitet die ehrgeizige Physikerin Prof. Dr. Weißbach (Ursina Lardi) am aufstrebenden Berliner Institut für Nanotechnologie die Forschungsgruppe „Materialien der Zukunft“. Am Rastertunnelmikroskop entstehen Werkstoffe, die sowohl für die zivile wie auch jede andere Nutzung lukrativ wären. Bei einer Präsentation steht plötzlich auf einem Präparat der Satz „Du bist tot“. Und tatsächlich überlebt die Wissenschaftlerin den nächsten Tag nicht. Bei ihren Ermittlungen stellen Kommissar Polanski – die Rolle spielt nun zum sechsten Mal Alexander Khuon – und sein neuer Kollege Lehmann – Shorty Scheumann sorgt für Berliner Flair – fest, dass das Leben an den Berliner Unis von einem gnadenlosen Konkurrenzkampf, prekären Anstellungsverhältnissen mit Kurzzeitverträgen und einer Bezahlung auf unterstem Niveau geprägt ist. Ganz zum Leidwesen von Assistent Steiner und seiner Frau Lisa.

Gerade haben Paul und Lohmeyer die letzten Aufnahmen im schalltoten Raum aufgenommen, so wird der Raum zumindest von Laien genannt. Die Profis aus dem Regieraum – vage erinnert er an das Flugdeck eines Star-Wars-Kreuzers – sprechen von einem reflexionsarmen Raum. Durch die spezielle Ausgestaltung werden die meisten Störgeräusche eliminiert, selbst die eigene Stimme bekommt einen eigenen Klang, sagt Peter Lohmeyer und drängt zusammen mit Christiane Paul für weitere Fragen in einen anderen Raum. Der schalltote Raum ist für Hörspielmacher das, was im Film der Bluescreen ist – ein neutraler Hintergrund, der mit allen möglichen Geräuschen gefüllt werden kann. In die Szene mit Peter Lohmeyer und Christiane Paul wird später ein Sondereinsatzkommando der Polizei eingebaut.

Tatsächlich entsteht in dem fensterlosen Raum eine eigentümlich bedrückende Stimmung, beinahe depressiv, wie Lohmeyer sagt. Hinzu kommt, dass die Schauspieler allein in dem Raum agieren, zur Regie gibt es anders als zu den meisten anderen Aufnahmeräumen keine direkte Sichtverbindung. So sind Lohmeyer und Paul auch nur über das Bild einer Videokamera, das auf einen Monitor in die Regie eingespielt wird, zu sehen. In der gerade aufgenommenen Szene stehen die beiden mit dem Rücken zur Kamera. Interessant ist, mit wie viel Körpereinsatz bei den Tonaufnahmen gearbeitet wird. Als Peter Lohmeyer in der Rolle des Dr. Steiner seine Frau bedrängt, verschränkt sie ihre Arme unwillkürlich vor der Brust. In einer anderen Szene will sie nicht von ihrer Meinung abrücken und stemmt entsprechend ihre Arme in die Seite. Regisseur Nikolai von Koslowski ist zufrieden: „Das war sehr gut, wir müssen das aber noch einmal machen“, sagt er und fordert Lohmeyer dazu auf, seine Frau „durch mehr Sympathie in der Stimme“ zu überzeugen.

Berlin mit seinen zahlreichen Universitäten, Fachhochschulen, Wissenschaftsparks und Instituten ist für das Thema zweifellos prädestiniert. An die nötigen Geräusche war nicht schwer heranzukommen, die haben die RBB-Mitarbeiter im Wissenschaftszentrum eingefangen. Auch Peter Lohmeyer fiel es leicht, sich auf die Rolle als unterbezahlter Wissenschaftler vorzubereiten: „Ich habe mir einen etwas vergeistigten Menschen mit Liebe für klassische Musik vorgestellt.“

Für Regisseur Nikolai von Koslowski ist „Du bist tot“ der zweite Radio-„Tatort“, den er für den RBB umsetzt. Bereits bei „Touristen“ hatte er mit Judy Winter und Ernst Jacobi zwei bekannte Schauspieler vor dem Mikrofon. Wichtig ist ihm, dass seine Akteure echte Typen sind, so wie Shorty Scheumann, aber eben auch Peter Lohmeyer und Christiane Paul. Zudem zählt für ihn ein hohes Maß an Flexibilität. Gerade weil bei einem Radio-Hörspiel sämtliche optischen Reize fehlen, muss jede Betonung und jeder Unterton sitzen. Und natürlich hat er ein paar Tricks, damit der Hörer immer weiß, wer da gerade mit wem spricht. Oder wo die Handlung stattfindet.

In einer Szene lässt von Koslowski einen Hausmeister die Tür zum Nanotechnik-Institut öffnen. „Wir reagieren auf die geänderten Hörgewohnheiten“, sagt der Regisseur. „Genau wie in ,Touristen‘ gibt es auch in ,Du bist tot‘ ein ruhiges Erzähltempo. So kann sich der Hörer auf die Erzählung konzentrieren, das ist beinahe eine Ohrenkur“, sagt von Koslowski. Was Dialekte angeht, ist er zurückhaltend. Berlinert wird kaum, Berlin sei schließlich eine Weltstadt. Selbst die aus Pankow stammende Christiane Paul verzichtet bei den Aufnahmen auf das Idiom.

Der Aufwand, der für den Radio-„Tatort“ gemacht wird, ist für Hörspielproduktionen immens. Statt der sonst üblichen drei Aufnahme- und drei Schnitttage stehen für den „Tatort“ zwei Wochen mit jeweils fünf Tagen für die Aufnahmen und weiteren fünf Tagen für Schnitt und Nachbearbeitung zur Verfügung.

Der Radio-„Tatort“ hat Leuchtturm-Funktion. Als die ARD die Sendereihe im Jahr 2008 eingeführt hat, erhoffte man sich, dass die Reputation des TV-Formats das Hörspielgenre neu beleben kann. Das Konzept ist offenbar aufgegangen. Im Januar 2013 wurde der 60. Radio-„Tatort“ ausgestrahlt und erreichte ein Millionenpublikum. Nachdem die neuen Sendungen für jeweils vier Wochen durch die einzelnen Landessender laufen, können die Radio-„Tatorte“ einen weiteren Monat lang über die Webseite www.radiotatort.ard.de abgerufen werden. Allein dort werden die Folgen über 200 000 Mal heruntergeladen. Hinzu kommen andere Podcast-Portale wie iTunes, wo der Radio-„Tatort“ auf dem ersten Platz aller Abrufe steht.

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