Radiohören : Der Tag in 80 Welten

Tom Peuckert verrät, was Sie beim Radiohören nicht verpassen sollten.

Tom Peuckert

Im neuen Krimi der „Tatort“-Reihe im Radio geht es um Kindesmissbrauch. Eben ist Staatsanwalt Gröninger nach Bremen versetzt worden, da muss er sich schon mit einem Kapitalverbrechen befassen. Seit Jahren werden in Bremen Jungen missbraucht, alle drei Jahre findet man die Leiche eines Kindes. Nun sind wieder drei Jahre vergangen, die Nervosität in der zuständigen Sonderkommission ist groß. Staatsanwalt Gröninger trifft auf Hauptkommisssarin Evernich, die einen ganz anderen Arbeitsstil pflegt als er. Damit die Ermittlungen an ihr gutes Ende kommen können, müssen sich in John von Düffels Krimi „Schrei der Gänse“ ein dezenter Feingeist und eine resolute Powerfrau mühsam zusammenraufen (SWR2, 15. Mai, 21 Uhr 15, Kabel UKW 107,85 MHz; Wdh. im Kulturradio vom RBB, 19. Mai, 22 Uhr 04).

Als der Russe Michail Lermontov sein Prosawerk „Ein Held unserer Zeit“ schrieb, war er Anfang Zwanzig. Ein namenloser Soldat des Zaren, verbannt in den Kaukasus, wo das russische Militär durch Krankheiten und Scharmützel mit den Bergvölkern dahingerafft wurde. Lermontovs Novellen kreisen um einen jungen Offizier namens Pecorin, der eben dieses Schicksal erleidet. Später hat man in Pecorin das literarische Urbild des „überflüssigen Menschen“ gesehen. Ein Typus, in dem sich die russische Intelligenz der Zarenzeit massenhaft erkannte. Lermontov starb 27jährig bei einem Duell. Wie so viele russische Talente warf er sein Leben einfach weg. In einer schönen Radiofassung kann das Schicksal seines traurigen Helden Pecorin nun nachgehört werden (Deutschlandfunk, 17. Mai, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

Im Mai 1968 war Autor David Zane Mairowitz viel unterwegs. Auf beiden Seiten des Atlantiks hat er die bunten Blumen der antibürgerlichen Protestbewegung aus nächster Nähe betrachtet. Er sah visionäre Utopiker, radikale Gewerkschafter, psychedelische Musikfreaks. In San Francisco hat er mit Kommunarden geträumt, in New York mit Müllarbeitern gestreikt, im Londoner Hyde Park Smoke-Ins und Be-Ins gefeiert. In seinem spannenden Feature „My 68“ erzählt Mairowitz von alledem. Wie im Mai 1968 Gewalt, aber auch Poesie die Straße beherrschten, wie Theorien und Visionen die besten Köpfen in Beschlag nahmen, wie Musik und Drogen einen Moment lang jede Realität zum Tanzen brachten (Kulturradio vom RBB, 18. Mai, 14 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Im Allgemeinen gelten die deutschen Fünfziger als unsexy. Bleierne Zeit, heißt es, muffig und grau. Doch es gab ein Leben vor den großen subkulturellen Modernisierungsschüben. Wer in den Fünfziger Jahren jung war und vom Wirtschaftswunder nicht satt wurde, der landete vielleicht bei den Halbstarken. So nannte man die Jeans- und Lederjackenträger mit der Entenfrisur, die sich damals nicht mehr an die deutsche Hausordnung halten wollten. Die hörten Amimusik und machten Krach auf der Straße. Die erschreckten den Bürger, der damals entweder Patriarch oder Hausfrau war. In seinem Feature „Die Halbstarken“ erzählt Autor Meinhard Stark von den jugendlichen Rebellen jener Epoche. Er hat einige von denen getroffen, die mit ihren Cliquen frischen Wind in die Nachkriegsgesellschaft brachten (Deutschlandfunk, 18. Mai, 20 Uhr 05).

Literarische Helden sind meistens unterwegs. Sie bereisen exotische Länder, stranden in fremden Milieus, treffen pausenlos auf unbekannte Menschen. Der zeitgenössische Roman ist häufig ein Roadmovie. Wie es dagegen um die Daheimgebliebenen, die Sesshaften und gut Verwurzelten steht, hat Tobias Lehmkuhl in seinem Literaturfeature „Zwischen Wonne und Gewohnheit“ erkundet. Bei Henry James, Anton Tschechow, Peter Handke oder Martin Mosebach findet er Handlungen und Figuren, die nicht durch äußere Veränderungen ständig vorangetrieben werden. Hier leben Helden, die es gut mit sich selbst aushalten. Die bereisen nicht die Welt in 80 Tagen, sondern den Tag in 80 Welten. Die lieben das Unscheinbare, die Wiederholung, die konzentrieren sich auf das, was da ist (Deutschlandradio Kultur, 20. Mai, 19 Uhr 30, UKW 89,6 MHz).

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