Radiohören : Lausbuben und Liebesleute

Tom Peuckert verrät, was über den Äther läuft und was Sie nicht verpassen sollten.

Tom Peuckert

Was wissen wir schon von der Mongolei. Es soll dort wenig Bäume geben, dafür eine Menge Pferde, Schafe und Ziegen. In den Siebzigern tauchte Dschingis Khan, der einstige Chef des Mongolensturms, mal in einem deutschen Popsong auf. Aber nun hat Feature-Autor Achim Nuhr die weite Reise in den Osten gemacht und erzählt von der wirklichen Mongolei. Mehr als 40 Prozent der Mongolen leben noch immer als Nomaden, mit ihren Herden ziehen sie durch die Steppe. Der Präsident des Landes hält dies für nicht mehr zeitgemäß, er wünscht sich ein sesshaftes Volk, das andere Erwerbszweige bevorzugt. Aber wie geht das gegen die geballte Macht der Tradition? Nuhrs Feature „Dschingis Khans Erben vor dem Aus?“ erzählt von komplizierten Modernisierungsprozessen in einem Land, das nun auch zur kapitalistischen Weltgemeinde gehören soll (Kulturradio vom RBB, 2. April, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Manchmal scheint es vollkommen normal, dass wir unseren Alltag so friedlich leben. Dann wieder wirkt es wie ein Wunder, wenn sich menschliche Roheit und Gewaltlust überhaupt irgendwie zähmen lassen. In ihrem Radioessay „Die dünne Decke der Zivilisation“ untersucht Autorin Mechthild Müser das Wechselspiel zwischen produktiven und destruktiven Tendenzen in unserer Gesellschaft. Gewalt existiert reichlich auf den Straßen und in den Familien, eine stetig wachsende Flut von Gesetzen versucht sie einzudämmen. Müsers Essay erzählt vom Bösen, das in jedem Menschen steckt. Ob es sich zeigt, hängt wesentlich von den gesellschaftlichen Umständen ab. Zum Beispiel vom sich verschärfenden Konkurrenzdruck einer globalisierten Ökonomie, der heute nach Meinung vieler Psychologen zur größten Bedrohung des Zivilisationsprozesses geworden ist (Kulturradio vom RBB, 3. April, 22 Uhr 04).

Eine ganze Radionacht voller Lausbubengeschichten haben sich Markus Metz und Georg Seeßlen ausgedacht. Aber es geht in „Ritzeratze! Voller Tücke, in die Brücke eine Lücke …“ nicht nur um nostalgieselige Erinnerungen an pubertäre Missetaten. Die Autoren nehmen den gemeinen Lausbubenstreich als anthropologisches Exempel. Sie haben seine Strukturen und Erscheinungsformen studiert und fragen nach den tieferen Gründen für Gelingen oder Scheitern. Der wirkliche Lausbubenstreich hat seine internen moralischen wie ästhetischen Qualitäten. Metz und Seeßlen streifen über die weiten Felder literarischer Bubenstücke, sprechen mit Leuten, die diesbezüglich etwas auf dem Kerbholz haben und lassen wissenschaftliche und künstlerische Experten aller Art zu Wort kommen (Deutschlandradio Kultur, 5. April, 0 Uhr 05, UKW 89,6 MHz)

Auch Peter Handke hat früher mal Hörspiele geschrieben. Es begann im Jahr 1969. In diesem Jahr kam Handkes „Hörspiel Nr. 1“ auf den Sender. Wie so oft beim frühen Handke ging es in diesem radiophonen Sprachspiel um die Sprache an sich. Ein Mann ist gefangen genommen worden und wird nun gefoltert. Nicht durch körperliche, sondern durch verbale Gewalt. Er wird einem Verhör unterzogen, bei dem alle rhetorischen Mittel zum Einsatz kommen: Schmeichelei, List, Erpressung, Bedrohung. In seinem virtuosen Frage-und- Antwort-Spiel demonstriert Peter Handke, wie sehr Macht und Gewalt mit dem Recht, Fragen zu stellen, verbunden sein können (Deutschlandradio Kultur, 6. April, 18 Uhr 30).

In Dänemark gibt es eine Behörde, die über das Einwandern entscheidet. Wenn etwa eine Heirat zwischen einem Dänen und einem Nichtdänen stattfinden soll, prüft die Behörde, ob es sich um eine echte oder nur um eine vorgetäuschte Liebesbeziehung handelt. Autor Krister Moltzen hat ein Feature über Dänemarks Einwanderungsbehörde gemacht, das eben zum besten europäischen Feature des Jahres 2007 gekürt wurde. Wie untersucht eine Behörde die Gefühle zweier Heiratswilliger? Im Feature „Love Police“ dokumentiert Moltzen die diesbezüglichen Testverfahren der misstrauischen Dänen. Die Paare werden demnach getrennt befragt. Wie vom Fernsehquiz bekannt, hängt alles von der richtigen Antwort ab. Und im Morgengrauen schaut die Behörde vielleicht nach, ob die angeblich Liebenden ordnungsgemäß in einem gemeinsamen Bett liegen (Deutschlandfunk, 8. April, 19 Uhr 15, UKW 97,7 MHz).

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