Radiohören : Wilde Klänge aus Mexiko

Radiohören: Tom Peuckert verrät, was Sie nicht verpassen sollten.

Tom Peuckert

BerlinDie Wildnis lässt sich heute bei speziellen Reiseveranstaltern buchen. Ein paar Wochen in Canyon oder Wüste, manchmal sind auch entlegene Inseln im Angebot. Wer noch mehr Wildnis will, hat schlechte Karten. Wo immer man hinkommt, die Zivilisation ist schon da. Ein wenig anders sah es noch vor einem Dreivierteljahrhundert aus, als der junge Amerikaner Everett Ruess zu einem finalen Trip in die einsamsten Zonen seiner Heimat aufbrach. Ludger Lütkehaus' Radioessay „In die Wildnis!“ porträtiert den Extremwanderer Ruess, der auch gedichtet und gemalt hat und nach seinem spurlosen Verschwinden zur romantischen Ikone für Naturschwärmer aller Art wurde. Der Traum vom rückstandslosen Eingehen in die Natur begleitet alle Zivilisationsfortschritte wie ein Schatten. Lütkehaus erzählt von einem modernen Menschen, dem die Sehnsucht nach immer größerer Menschenferne zum Verhängnis wurde (Kulturradio vom RBB, 22. Mai, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz)

Klangkünstler Götz Naleppa hat seine Mikrofone in Mexiko aufgestellt. In den Tempelanlagen der Maya lauscht er dem Heulen der Winde, lässt auf rituellen Instrumenten musizieren und aus mythischen Texten rezitieren. „Popol Vuh - das Buch vom Ursprung der Maya“ heißt seine Komposition, in deren Zentrum der alte Schöpfungsbericht der mexikanischen Maya-Indianer steht. Das Popol Vuh ist ein Epos von dialektischer Wildheit. Ein grausam-schöner Gesang vom Werden und Vergehen einer frühen Hochkultur, den Naleppa noch einmal zum Klingen bringt (Deutschlandradion Kultur, 23. Mai, 0 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

Der Pole Tadeusz Borowski hat das Lager Auschwitz von innen erlebt. Bevor er sich 1951, als 29-Jähriger, das Leben nahm, schrieb er Gedichte und Erzählungen über seine Erfahrungen. Wie er zum Beispiel eines Tages zu einer Ausbildung als Krankenpfleger abkommandiert wurde. Eine privilegierte Situation, die ihn für Momente dem rasenden Sterben entzieht. Nun schreibt er Briefe an seine Freundin Maria. Mit der traurigsten Heiterkeit, die man sich denken kann, berichtet er von seinem Alltag. Er schreibt über Boxkämpfe, Orchesterkonzerte, das Lagerbordell, den allgegenwärtigen Tauschhandel. Sein ironischer Plauderton lässt das Entsetzliche nur um so greller hervortreten. Regisseur Kai Grehn hat Borowskis Erzählung „Bei uns in Auschwitz“ behutsam in Szene gesetzt und mit Sounds von den Originalschauplätzen im heutigen Polen orchestriert. Ein Hörspiel, das auf bemerkenswerte Weise unterhaltsam und zugleich tief verstörend ist (Kulturradio vom RBB, 23. Mai, 22 Uhr 04).

In den letzten Monaten sind die professionellen Sterbehelfer viel in den Medien gewesen. Darf man ihren erklärten Absichten trauen? Geht es tatsächlich um mehr Freiheit und Menschenwürde oder doch eher um Geschäfte mit Lebensmüden? In seinem Feature „EXIT“ erwägt Autor Jean-Claude Kuner die drängenden ethischen Fragen zum Thema. Kuner bringt große Philosophen wie Seneca und Montaigne ins Spiel, hat aber auch Angehörige der Schweizer Suizidhilfeorganisation EXIT getroffen. Was ist von einer Liberalisierung in Sachen Freitod zu erwarten? Ein wucherndes ökonomisches Kalkül, das Leben immer entschiedener in wertvoll und wertlos trennt? Oder machen wohlorganisierte kulturelle Sterbetechniken unser Leben am Ende doch irgendwie lebenswerter? (Deutschlandradio Kultur, 24. Mai, 18 Uhr 05).

Bei Erweiterungsbauten für den Frankfurter Flughafen wird eine Leiche gefunden. Ein seit mehr als 25 Jahren verschollener Forstarbeiter liegt da im Boden, neben ihm eine Kontaktlinse, die einer unbekannten weiblichen Person gehörte. In Ulrich Lands Radiokrimi „Vernagelt“ muss der hessische Kommissar Droemel, furios gespielt von Heinz-Werner Krähkamp, nun tief im Vergangenen wühlen. Da passt es gut, dass der Altlinke Droemel damals aktiv an den Kämpfen um die Startbahn West beteiligt war. Einen wahren Sumpf aus Intrigen und Gegenintrigen hat er nun trockenzulegen. Es geht um Politik, Liebe und Verrat. Viele Rechnungen sind offen geblieben, die nun vor den Augen der zunehmend überforderten Polizei blutig beglichen werden (Deutschlandradio Kultur, 26. Mai, 21 Uhr 33).

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