Radiotipps der Woche : Heldenverehrung auf Orwo-Bändern

Ein Pfarrer, ein Schiedsrichter und eine Messnerin diskutieren im Deutschlandfunk über Fußball als Religionsersatz, ein Feature erinnert an Cassetten, die durch den Osten zirkulierten.

Tom Peuckert
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Vor 50 Jahren brachte die holländische Firma Philips die erste Magnetbandkassette auf den Markt. Eine neue Epoche des Musikhörens brach an, mobil und handgemixt. Für sein Feature „Gehäuse des wilden Klangs“ hat Autor Tobias Barth die Tapes der frühen Jahre noch einmal herausgekramt. Das Feature erinnert an die legendären Orwo-Cassetten, auf denen Westmusik durch den Osten zirkulierte, und an die vielen selbst fabrizierten Mischungen, mit denen damals in Ost und West musikalische Kreativität ausgelebt wurde (Kulturradio vom RBB, 7. September, 9 Uhr 05, UKW 92,4 MHz).

In der Hirnforschung ist die menschliche Willensfreiheit ein heißes Thema. Es scheint, als wäre unser Hirn bereits einige Millisekunden lang aktiv, bevor das Bewusstsein sich für etwas entscheidet. Wollen wir oder will etwas in uns? Autorin Claudia Wolff hat sich gefragt, was das alles für sie persönlich bedeutet. Ist man für Fehler und Schwächen wirklich selbst verantwortlich? Das Feature „Was kann ich denn für mein Gehirn?“ stellt alte philosophische Fragen ins Licht neuester biologischer Erkenntnisse (Deutschlandradio Kultur, 7. September, 18 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

Fußball funktioniert heute als Religionsersatz, das ist kein ganz neuer Gedanke. Man sitzt am Wochenende nicht mehr auf der Kirchenbank, sondern steht in der Stadionkurve. Die Lieder der Fans klingen trotzdem wie inbrünstige Choräle. Im Internet gibt es mit www.fangesaenge.de sogar eine eigene Webseite zu diesem Thema. Mit 202 Gesängen führt Borussia Mönchengladbach übrigens diese Tabelle an, vor Schalke und Dortmund. Das Feature „Die heilige Kugel“ von Ulrich Land vermisst dennoch die spirituelle Dimension eines Massenvergnügens. Die Parallelen zwischen Kirche und Fußball sind zahlreich, Unterschiede manchmal zu vernachlässigen. Im O-Ton argumentieren kickende Pfarrer und altgediente Schiedsrichter, eine Messnerin und ein Zeugwart (Deutschlandfunk, 8. September, 20 Uhr 05).

Ein Mann sitzt allein am See und angelt. Eigentlich sollte er glücklich sein, denn er ist ein passionierter Angler und dies ist sein Lieblingssee. Aber im Hirn spuken finstere Gedanken. Da sind die ungeliebten Kormorane, die erfolgreicher fischen als er selbst. Und da ist der eigene Sohn, geliebt, aber schwul, wie der Vater eben erfahren hat. Das Hörspiel „Der Kormoran“ von Holger Böhme führt in den Kopf eines Mannes, dem der Boden unter den Füßen schwankt. Aber das Rettende naht, wenn einer nur bereit ist, sein Herz für die Zumutungen des Lebens zu öffnen (Deutschlandfunk, 7. September, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

Vierzig Jahre lang testete Russland seine Atomwaffen in der kasachischen Steppe. Hunderte Kernexplosionen gab es zwischen 1949 und 1989 in einem Gebiet, das von Kasachen bewohnt war, aber auch von Russlanddeutschen, die Stalin dorthin getrieben hatte. „Satansfaust“ nannten die Kasachen den Atompilz, „Pfifferling“ sagten ihre deutschen Nachbarn. Beide Gruppen waren ahnungslos, was die Gefahren betraf. Viele Überlebende sind heute krank, ihre Nachkommen behindert. Das Feature „Steppenbeben“ von Ulla Lachauer lässt die Opfer eines brutalen Menschenversuchs zu Wort kommen (Deutschlandfunk, 10. September, 19 Uhr 15).

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