Rätsel : Unter Blutsbrüdern

Das ZDF will „Das letzte Rätsel“ von Karl May lösen

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Karl May, in der ZDF-Doku-Fiktion „Terra X“ verkörpert von Günter Kurze, bereiste den Orient erst Jahre nach dem Verfassen seiner Abenteuerromane. Foto: ZDF
Karl May, in der ZDF-Doku-Fiktion „Terra X“ verkörpert von Günter Kurze, bereiste den Orient erst Jahre nach dem Verfassen seiner...Foto: Dr.Johannes Zeilinger

Die Sendung „Mythbusters“, die in Deutschland bei RTL 2, Dmax und Discovery Channel zu sehen ist, überprüft bekannte Legenden auf ihren Wahrheitsgehalt. Besonders gern werden dabei explosive Stunts aus Film und Fernsehen durch Nachspielen untersucht. Für den Zuschauer ist das genauso unterhaltsam wie lehrreich. Doch Mythen zu hinterfragen ist kein Vorrecht der Privatsender. Das zeigt am Sonntag das ZDF mit der „Terra X“-Folge „Karl May – Das letzte Rätsel“. Die Sendung zerstört einen Mythos, der im vergangenen Jahrhundert Generationen von jungen Abenteuer-Fans beeinflusst hat: die Blutsbrüderschaft, genauer gesagt jener rituelle Freundschaftsbeweis zwischen dem Apachenhäuptling Winnetou und Old Shatterhand.

Den Ritus der Blutsbrüderschaft hat es sehr wohl gegeben, allerdings wohl nicht bei den Indianerstämmen Nordamerikas, sondern bei den alten Germanen, heißt es bei „Terra X“. Die legendäre Filmszene, in der sich Pierre Brice als Winnetou und Lex Barker als Old Shatterhand mit einem Messer den Unterarm aufritzen, um die Wunden dann zu kreuzen, ist demnach genauso eine Fiktion wie die Person des Apachenhäuptlings und seines Freundes.

Die Doku-Fiktion zu Karl May zeichnet seinen entbehrungsreichen Weg vom armen Weberjungen bis zum gefeierten Schriftsteller nach, auch an die Gefängnisaufenthalte wird erinnert. In jungen Jahren wanderte er wegen des angeblichen Diebstahls einer Taschenuhr in Haft, ein zweites, längeres Mal für zahlreiche Betrugsmanöver, in denen sich May (1842 bis 1912) unter anderem als Polizist und Arzt ausgegeben hat, um arglosen Zeitgenossen das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Deutschlands meistgelesener Schriftsteller – die Auflage geht über 200 Millionen Bücher hinaus, die in über 40 Sprachen veröffentlicht wurden – hat es mit der Wahrheit nicht immer so genau genommen, das ist längst bekannt. Genauso, dass er die Orte in seinen Reise- und Abenteuerromanen erst Jahre nach der Veröffentlichung der Bücher besucht hat. Doch was ist nun „das letzte Rätsel“? Das findet das ZDF in einem Satz in Mays Autobiografie "Mein Leben und Streben". In dieser Lebensbeichte erklärte er die weniger erfreulichen Aspekte seines Handelns ganz nach Freud mit einer gespaltenen Persönlichkeit.

Tatsächlich hat sich Karl May wie wohl kein zweiter Schriftsteller mit seinen Figuren identifiziert. Kara Ben Nemsi und Old Shatterhand wurden zu Alter Egos, in die sich der Romancier aus der deutschen Provinz flüchtete. Mit Wildwest-Hut und Henrystutzen erzählte May seinen Fans von Old Shatterhands Abenteuern, so als wäre er tatsächlich an Winnetous Seite geritten. Die Fotos, in den sich May mal als Kara Ben Nemsi, mal als Old Shatterhand in Szene setzte, deuten zumindest auf einen gewissen Realitätsverlust hin.

Sehenswert ist die ZDF-Sendung aber auch, weil das Team nicht nur die Originalschauplätze von Mays Wirken in Radebeul besucht hat, sondern sich auch auf den Weg zu den Orten seiner Abenteuer aufgemacht hat. Mit Johannes Zeilinger von der Karl-May-Gesellschaft geht es zum Beispiel zum Schott el Dscherid nach Tunesien, wo einst „Durch die Wüste“ angesiedelt war und Jahre später für die „Star Wars“-Filme gedreht wurde. Besonders bewegend sind die Spielszenen aus der Zeit, als May als gealterter Mann versuchte, seinen ramponierten Ruf vor sich selbst, seinen Anhängern und den Kritikern wiederherzustellen.

Um Mays Gemütszustand zu deuten, wurde der Psychiater Hinderk Emrich beauftragt. Er erstellte ein Psychogramm von May, unter anderem durch grafologische Untersuchungen eines seltenen Manuskripts aus dem Safe von Mays Verlag in Bamberg. Daraus lässt sich viel ablesen, vor allem Mays unerschöpfliche Fantasie. Doch an Schizophrenie litt er nicht. Das Rätsel, was Karl May im Inneren antrieb, bleibt somit bestehen. Kurt Sagatz

„Terra X: Karl May – Das letzte Rätsel“, ZDF, 19 Uhr 30

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