Medien : Rafis Kampf

Rafael Seligmann begeht in „Bild“ und „taz“ Führers Geburtstag

Harald Martenstein

Zum ersten Mal in der deutschen Mediengeschichte hat gestern derselbe Autor in der „Bild“-Zeitung und in der „Tageszeitung“ am selben Tag über dasselbe Thema geschrieben. Normalerweise gibt es das nur bei der „Welt“ und der „Berliner Morgenpost“. „Bild“ und „taz“ unterscheiden sich normalerweise allerdings etwas stärker voneinander.

Rafael Seligmann hat eine Hitler-Biografie geschrieben. Es ist etwa die eintausendzweihundertvierundfünfzigste. Um dieses Buch zu promoten, führt der Autor einen durch kein aktuelles Ereignis, sondern lediglich durch ihn selber motivierten Feldzug für die Zulassung des Buches „Mein Kampf“ von Adolf Hitler.

Dabei ist das Buch gar nicht verboten. Das ist das Dumme an der Sache. Die „taz“ weist selbst darauf hin. Lediglich der „unveränderte Nachdruck“ ist nicht erlaubt. Legal sind kommentierte Neuausgaben (die es gibt), legal ist auch der Handel mit antiquarischen Bänden. Warum auch nicht? Durch die Lektüre von „Mein Kampf“ wird man nicht automatisch zum Nazi. So überzeugend ist es auch wieder nicht geschrieben. Das Buch muss nicht verboten werden. Ob man es unbedingt in der Originalaufmachung der Nazis unverändert und unkommentiert drucken muss, ist eine andere Frage.

Beide, „Bild“ und „taz“ zeigen brav das Cover von Seligmanns zu bewerbendem Buch. Die „taz“ stellt ihn so vor: „Rafael Seligmann ist Autor.“ „Bild“ dagegen: „Seligmann ist ,Bild‘-Autor.“ In „Bild“ heißt die Überschrift: „Warum jeder Hitlers Buch ,Mein Kampf‘ lesen sollte.“ Jeder? Wirklich jeder? Schulstoff? Pflichtlektüre? Wie damals? Ist das nicht ein bisschen übertrieben? Der erste Satz lautet: „Heute vor 115 Jahren hatte Adolf Hitler Geburtstag.“

Wenn es dem Buchverkauf nützt, feiert Rafael Seligmann auch Führers Geburtstag. Dann sagt er: „Adolf Hitler war bis zu seinem Selbstmord 1945 der beliebteste deutsche Parteichef.“ Gewiss. Und Gerhard Schröder ist zurzeit der beliebteste deutsche Kanzler. Beide Herren sind eben konkurrenzlos.

Der Text in „Bild“ hat etwa 130 Zeilen, von denen einige extrem kurz sind. Der Text in der „taz“ hat 204 lange Zeilen. Sie unterscheiden sich folglich stilistisch. Es ist eine richtige Stilkunde für junge Journalisten. „Taz“: „Hitler sah die Judenfeindschaft als seine göttliche Mission an.“ „Bild“: „Der vom Judenhass besessene Hitler gab vor, als Gottes Werkzeug zu handeln.“ „Taz“: „Der famose britische Zeitgeschichtler Ian Kershaw kommt nach eingehendem Studium zu dem Ergebnis, das er in seiner 2500-seitigen Hitler-Biografie aufbereitet: ,Grundzüge eines politischen Programms sucht man in ,Mein Kampf‘ vergeblich.‘ Dieses Urteil ist falsch, naiv und gefährlich obendrein.“ „Bild“: „So meint noch heute der berühmte britische Historiker Ian Kershaw: ,Grundzüge eines politischen Programms sucht man in ,Mein Kampf‘ vergeblich.‘ Fataler Irrtum!“

Man merkt: Der Text in „Bild“ ist bei weitem der famosere. Seligmann beherrscht aber auch das zielgruppenorientierte Schreiben. Der Hinweis „,Mein Kampf‘ lässt sich problemloser beschaffen als ein Joint“ wurde von ihm exklusiv für „taz“-Leser verfasst.

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