Medien : Raus aus Berlin, raus aufs Land!

Johanna Wokalek macht die „Kirschenkönigin“ zum Fernsehereignis – trotz des kitischigen Titels

Hannah Pilarczyk

Ruth Goldfischs Liebe für ihren Kirschgarten ist einfach da. Sie hat sich nicht langsam entwickelt und wird sich auch Zeit ihres Lebens nicht mildern. Woher die Leidenschaft seiner Titelfigur stammt, lässt der Dreiteiler „Die Kirschenkönigin“ offen. Nach wenigen Minuten dieses faszinierenden Films interessiert die Frage aber auch schon nicht mehr. Denn so flammend wie Ruth (Johanna Wokalek) den Garten liebt, macht sie ihre Liebe zu einem unumstößlichen Faktum. Um das glaubhaft darzustellen, bedarf es einer großartigen Schauspielerin. Johanna Wokalek ist genau das. Und sie schafft es auch, aus der „Kirschenkönigin“ ein Fernsehereignis zu machen.

Zu erwarten war das nicht. Schließlich bewerben ZDF und Arte ihre Gemeinschaftsproduktion als „historische Literaturverfilmung“. Zusammen mit dem verkitschten Titel eher abschreckend – beim ZDF sind auch Rosamunde-Pilcher- Filme „Literaturverfilmungen“. Auch Autor Justus Pfaue assoziierte man bisher nicht mit besonders anspruchsvollen Stoffen. Er feierte seine größten Erfolge mit den ZDF-Weihnachtsserien „Anna“ und „Timm Thaler“. Allein die Besetzung für die „Kirschenkönigin“ ließ Großes vermuten: eine Auswahl der besten Schauspieler aus Film (unter anderem Jürgen Vogel, Jürgen Tarrach) und Theater (Johanna Wokalek, Marc Hosemann). Unter der Regie von Rainer Kaufmann („Die Apothekerin“) ist aus dieser wilden Mischung schließlich ein faszinierender Mikrokosmos geworden, der in seinem Figuren- und Facettenreichtum drei Filme und einen großen historischen Bogen trägt.

1913 ist Ruth Goldfisch 18 Jahre alt. Der Erste Weltkrieg droht, und Ruths Vater, ein reicher jüdischer Bankier, schickt sich an, durch diesen Krieg noch reicher zu werden. Eigentlich soll Ruth als klügste der drei Goldfisch-Töchter später einmal die Bank übernehmen, doch sie hat anderes mit ihrem Leben vor. Sie will raus aus Berlin und aufs Land, um dort ihren eigenen landwirtschaftlichen Betrieb aufzubauen.

Damit sie dieses Ziel erreicht, heiratet Ruth den hoch verschuldeten Baron Albert von Roll (Marc Hosemann). Mit ihm zieht sie auf seinen riesigen Hof am Rande des Harzes und nimmt sich mit Hingabe seiner verwilderten Kirschenplantage an. Wie die Bäume unter Ruths Pflege gedeihen, so wird auch aus der Zweckheirat Liebe. Das Ehepaar erlebt eine aufregende Zeit des Aufbruchs. Als von Roll durch einen Unfall kurz vor der Geburt ihres ersten Kindes stirbt, scheint alles genauso schnell wieder vorbei zu sein. Doch auch als Alleinerziehende, Witwe und einzige Jüdin im Ort gelingt es Ruth, ihren Hof zum sowohl wirtschaftlichen als auch kulturellen Zentrum des Landkreises zu machen. Mit viel Liebe, Gnade und Großzügigkeit baut sie sich ein Matriarchat auf, das erst während der Nazizeit ins Wanken gerät.

„Die Kirschenkönigin“ erzählt die Geschichte einer durch und durch modernen Frau, der man ihr großes Vorbild kaum anmerkt: die alttestamentarische Ruth, Großmutter von König David. Sie ist für Autor Justus Pfaue die „Ahnherrin des jüdischen Lebenstraums von Ackerbau und Viehbesitz“ – und als solche Sinnbild für die Suche der Juden nach Heimat. Religiöse Motive schimmern in den drei Filmen immer wieder durch, werden aber nicht zur plumpen Dramatisierung der Geschichte – etwa während des Dritten Reiches – eingesetzt. Sie bilden vielmehr den Hintergrund, vor dem die Hauptfigur Ruth an Profil und Tiefenschärfe gewinnt.

Johanna Wokaleks Ruth ist voll ansteckender Lebensfreude, die oft vergessen lässt, wie klug und listig sie gleichzeitig ist. Pfaue hat dieser Figur eine eigene Kunst-Sprachwelt gegeben, die ihren begeisternd-überbordenden Charakter transportiert. Von „Schislaweng“ und „Schabbesgoi“ und „Elfundneunzig Prozent“ ist da die Rede. Ungewöhnlich fürs Fernsehpublikum, aber auch für die Schauspieler. „Am Anfang war es für uns etwas schwer, damit klar zu kommen“, sagt Johanna Wokalek. „Aber das ist vielleicht auch das Besondere in diesem Film, dass die Sprache nicht so ,daher gesagt’ klingt. Man hört dadurch doch noch besser zu.“ Die große Aufmerksamkeit und Sorgfalt, die der Ruth in Anlage und Darstellung widerfährt, führt aber auch zu einigen Missständen im Film. „Sie kennt das Leben gar nicht“, sagt Ruths Tochter im letzten Teil. Tatsächlich hat Ruth ihren Hof nie wieder verlassen. Diese Geschichtsvergessenheit seiner Heldin übernimmt der Film, leider. Kriegsausbrüche und -enden vollziehen sich fast unbemerkt, sogar der Nationalsozialismus ist kein Weltuntergang. Im Vergleich dazu erscheinen die amerikanische und vor allem die russische Besatzung fast brutaler und willkürlicher. Letztlich zahlt der Film so den Preis dafür, dass seine Heldin in der dunkelsten Zeit deutscher Geschichte umso heller strahlt.

„Die Kirschenkönigin“, Arte, 1. Teil: Freitag, 20 Uhr 40, 2. Teil: Montag: 20 Uhr 45, 3. Teil: Freitag 12.11. 20 Uhr 45. Im ZDF am 15., 17. und 22. November, jeweils 20 Uhr 15.

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