RBB-Doku : Sieben Tage, sieben Köpfe

Türkische und deutsche Familie tauschen ihren Alltag. Mit den Schwerdtners und den Altioks ist dem RBB ein Film gelungen, der definitiv das Zeug für das Erste hat.

Ferda Ataman

Das türkische Ehepaar Necla und Remzi Altiok sitzt im Wohnzimmer und singt „Spreewalder Gurken, Pellkartoffeln, Quark und ein bisschen Leinöl, ja das macht mich stark.“ Mit dem Lied wollen sich die beiden Neuköllner auf ein Abenteuer einstimmen: In Lübbenau sollen sie mit ihren zwei Kindern eine Woche lang in die Haut, besser gesagt in das Leben der brandenburgischen Familie Schwerdtner schlüpfen. Parallel dazu werden die Schwerdtners aus dem Spreewälder Idyll ins Berliner Großstadtrevier verfrachtet. Kontakt zu Türken hatten sie noch nie. Die dreiköpfige Familie hat für das Filmprojekt eingewilligt, sieben Tage lang Wohnung, Jobs und Freunde mit den Altioks zu tauschen. Mutter Iris’ erster Eindruck von ihrem neuen Zuhause, einer Hochhaussiedlung in Neukölln: „Sehr witzig!“ Plattenbauten sind für sie der Horror. Gekonnt springt die RBB-Doku „7 Tage – Wir tauschen unser Leben“ von Elle Langer und Heike Raab zwischen orientalischem Neukölln und urdeutschem Lübbenau hin und her. Zwei nahe lebende Familien, zwei fern liegende Welten – das Experiment ist einzigartig, auch wenn es an Vergleichbares im Privat-TV erinnert.

Lübbenau hat 12.000 Einwohner, Ausländer gibt es hier so gut wie keine. Deshalb sind viele neugierig auf die Altioks. Beim Kaffeekränzchen wird Necla über „die Türken“ ausgefragt. „Ich verstehe einfach nicht, wieso ihr nach Deutschland kommt und euch nicht anpassen wollt“, sagt eine jüngere Dame aus der Runde. Die 44-jährige Türkin sitzt im Trachtenkleid unter Deutschen und lächelt verlegen: „Was soll ich genau machen, damit du mir abkaufst, dass ich mich komplett angepasst habe?“ Wenige Kilometer weiter, in Neukölln, sitzt Iris Schwerdtner in Handtücher ge wickelt und schwitzt im Hamam. Auch sie muss sich typische Vorurteile anhören, etwa von Neclas Schwester: „Bei euch Deutschen müssen die Kinder mit 18 Jahren aus dem Haus, bei uns hält die Familie immer zusammen.“ Iris schüttelt den Kopf, bei Schwerdtners halte die Familie ebenfalls zusammen.

Auch die Kinder erleben fremde Welten. Romy Schwerdtner, 18, staunt in Kreuzberg nicht schlecht über „so viele Ausländer“. Im Biosphärenreservat Spreewald versucht derweil der 17-jährige Selcuk beim Holzhacken mit seinem neuen Mitschüler, dessen Abneigung gegen Türken zu schmälern. Tom hat bei Ausflügen nach Berlin schlechte Erfahrungen gemacht. „Die haben uns abgezogen.“

RBB-Programmbereichsleiter Johannes Unger findet, der Zweiteiler passt perfekt zum Sendegebiet: „Keine Region hat so vielfältige Lebenswelten wie Berlin-Brandenburg – vom Bauern aus der Prignitz bis zum Arzt in Zehlendorf.“ Nach geeigneten Familien haben die Produzenten allerdings lange suchen müssen. Einige Paare seien aus Angst vor Fremdenfeindlichkeit wieder abgesprungen.

Gut für das Resultat: Mit den Schwerdtners und den Altioks ist dem RBB ein Film gelungen, der definitiv das Zeug für das Erste hat.

„7 Tage“, RBB, Teil 1 heute, Teil 2 morgen, beide Male um 20.15 Uhr

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