RBB-Doku über die Leipziger Straße in Berlin : Sackgasse des Sozialismus

„Um Gottes willen, können hier überhaupt Menschen leben?“, sagte ein Zuzügler aus Bonn einst über die Leipziger Straße. Und wie, sagen die Bewohner. Eine RBB-Doku widmet sich jetzt dieser besonderen Straße Berlins. Nur das Verschönerungskombinat kommt ein bisschen zu kurz.

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Das Verschönerungskombinat hatte viel zu tun in der Leipziger Straße.
Das Verschönerungskombinat hatte viel zu tun in der Leipziger Straße.Foto: RBB

Eine berührende Geschichte, die mit einem Mal den samtenen Vorhang vor der DDR-Vergangenheit aufreißt, geht so: Eines Tages herrscht große Aufregung in einem Haus in der Leipziger Straße. Ein Mann ist mit seinem Fluggerät aufs Dach geklettert und versucht, über die Mauer nach West-Berlin zu fliegen. Dabei stürzt er auf das Dach einer Schule, die noch im Osten liegt. Die Volkspolizei kommt mit Hunden und Blaulicht, es ist toll was los in der Sackgasse des Sozialismus, die direkt an der Mauer beim Potsdamer Platz endet. Ein Junge findet das, was in seinem Haus geschieht, sehr spannend. Er fragt seine Mutter: Würdest du ihn aufnehmen, wenn er an unsere Tür klopft? Die Mutter überlegt und sagt Ja! Darauf der Junge: „Aber das dürfen wir nicht dem Vati sagen.“

Der Papa ist Parteisoldat

Papa ist nämlich Parteisoldat an der Schreibmaschine der „Jungen Welt“ und hatte „mit nicht nachfragbarer Gleichgültigkeit“ die Mauer ertragen. Für Hans-Dieter Schütt, „bis zuletzt honeckerhörig“, war die Wende die „familiäre Rettung, und dafür bin ich ziemlich dankbar“. Heute schreibt Schütt spannende Künstler-Porträt-Bücher, das Brett vorm Kopf ist genauso weg wie die Mauer vorm Fenster. Republikflucht nach dem Ende der DDR.
Nicht ganz so deutlich ist die Distanz einiger anderer Bewohner der „Leipziger“, die in dem RBB-Dokumentarfilm „Leben in der Leipziger Straße“ von Jürgen Buch und Thomas Zimolong ins Bild kommen und ihre Geschichten von einst und jetzt darbieten. Manchmal taucht, von oben, unten und von der Seite gefilmt, die von Jugendbrigaden ab 1970 errichtete breitspurige Straße mit ihren 2000 Wohnungen in den Hochhäusern am Rande der Allee auf. Von hier hat man Berlins besten Blick aufs Zentrum, auch wenn Liedermacher Reinhold Andert von einer „steinernen Verzweiflungsgegend“ spricht.

Was ist aus dem Exquisit-Laden geworden?

Gutbürgerliches Schrankwand-Interieur erzählt manchmal mehr als der Bewohner, überhaupt sind einige Sequenzen, die außerhalb der Straße spielen, entbehrlich. Dafür hätte man sich etwas mehr Geschichte der Straße und ihren Wandel nach der Wende gewünscht: Was ist aus dem Exquisit-Laden, dem Delikat-Geschäft und den Leuten aus dem Verschönerungskombinat geworden? Weshalb stehen so viele Läden leer? Wie sieht die aktuelle „Durchmischung“ der Bewohner aus? Und was ist aus den Nationalitätengaststätten geworden?

Wenigstens ein Zuzügler aus der heilen Welt von Bonn, der, wie viele Journalisten, in den „Diplomaten-Blöcken“ gewohnt hat, kommt zu Wort. Sein erster Eindruck? „Um Gottes willen, können hier überhaupt Menschen leben?“ Inzwischen sagt er: Ja, sie können. Und fühlen sich sogar wohl – wenn die Balkontür geschlossen und der Straßenkrach außen vor geblieben ist.

„Berlin, Berlin: Leben in der Leipziger Straße“, RBB, Dienstag, 23 Uhr 15

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