RBB-Sparpläne : Der Schwächste stirbt zuerst

Der Rundfunk Berlin-Brandenburg stellt zum Jahresende Radio Multikulti und das Fernsehmagazin "Polylux" ein.

Joachim Huber,Sonja Pohlmann

Berlin Aus für Radio Multikulti, aus für „Polylux“. Mit Kürzungen bei den Programmleistungen in Hörfunk und Fernsehen will der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) den Sparzwängen im Senderetat beikommen. Während das in der ARD ausgestrahlte Fernsehmagazin zum Ende 2008 ersatzlos aufgegeben wird, wird für Radio Multikulti Anfang 2009 das multikulturelle Programm „Funkhaus Europa“ des WDR auf die gewohnte Berliner UKW-Frequenz 96,3 MHz genommen. Intendantin Dagmar Reim sagte zu diesem Schritt, „das Ende von Radio Multikulti ist ein schmerzlicher Einschnitt in unsere Programmvielfalt. Die finanzielle Situation des RBB lässt es leider nicht zu, alle sieben Radioprogramme zu erhalten.“ Das „WDR-Funkhaus Europa“, gegründet 1998, sendet laut RBB ähnlich wie Multikulti ein 24-Stunden-Programm in Deutsch und 17 weiteren Sprachen. Zwischen beiden Programmen bestehe seit Jahren eine enge Kooperation.

Die „sehr ähnliche Programmleistung“ von „Funkhaus“ und Multikulti ist für Sendersprecher Ralph Kotsch eines der Motive, warum keine andere Sparlösung, beispielsweise die Fusion von Radio Fritz und Radio Eins gefunden wurde. Zudem will der Sender, würde die Methode „Rasenmäher“ bei allen Programmen angewendet, nicht Gefahr laufen, „den Qualitätsmaßstäben öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht mehr zu genügen“.

Wahr ist auch, dass sich die Sendeleitung die Zahlen für den Radiomarkt Berlin-Brandenburg angeschaut hat. Multikulti hat eine Tagesreichweite von 37 000 Hörern, was einem Marktanteil von 0,8 Prozent entspricht. Dieser (schmale) Erfolg der 1994 gestarteten Welle bestimmt den Gesamterfolg des RBB-Hörfunks am wenigsten mit. Die 28 fest angestellten Mitarbeiter werden weiterbeschäftigt, für die freien sollen Arbeitsmöglichkeiten im Sender gefunden werden.

Die Erbitterung, ja Verbitterung bei den Betroffenen war am Mittwoch groß: „Radio Multikulti einzustellen, ist ein völlig falsches Signal in dieser Zeit und für diese Stadt“, sagte Chefredakteurin Ilona Marenbach bei einer Belegschaftsversammlung. Radio Multikulti sei ein Beispiel für gelungene Integration. Ein solcher Erfolg lasse sich nicht einfach durch Quoten messen. Bei der Reichweitenanalyse würden viele Hörer mit Migrationshintergrund – und damit das Zielpublikum – gar nicht erst erfasst.

Marenbach zeigte sich sehr besorgt um die Zukunft der freien Mitarbeiter ihres Programms. „Ich bezweifele, dass es gelingen wird, alle im RBB weiter zu beschäftigen.“ Viele der Mitarbeiter mit Migrationshintergrund seien Experten, aber eben nur in einer Sprache oder auf einem bestimmten Gebiet. Ansgar Hocke, Mitglied im RBB- Personalrat, warnte: „Die Einstellung von Multikulti wird einen Verdrängungswettbewerb in den anderen RBB-Abteilungen auslösen“. Wer von Multikulti einen Auftrag bei einem anderen Programm bekomme, der werde einem angestammten Mitarbeiter diesen Auftrag wegnehmen. Deshalb sind für Hocke alle Hörfunkwellen von den Einsparungen betroffen.

Für das ARD-Fernsehen liefert der RBB seit elf Jahren und 30 Mal im Jahr das Fernsehmagazin „Polylux“, moderiert von Tita von Hardenberg und hergestellt von deren Firma Kobalt Productions. „Wir danken ihr für viele schräge Einfälle und den Blick auf die komischen und verrückten Seiten Berlins“, sagte RBB-Fernsehdirektorin Claudia Nothelle. „Gern hätten wir ,Polylux’ weiterhin für das Erste produziert. Leider haben wir die finanziellen Möglichkeiten dafür nicht mehr.“ ARD-Chefredakteur Thomas Baumann äußerte Bedauern über die Entscheidung und Verständnis für die „zwingenden Gründen“. Über ein Nachfolgeprogramm für das mehrfach geliftete und trotzdem faltige Zeitgeist-Magazin wird nachgedacht. „Polylux“ erreicht in diesem Jahr pro Ausgabe rund 600 000 Zuschauer (sechs Prozent Marktanteil), 2007 waren es noch 690 000 (6,7 Prozent Marktanteil). Tita von Hardenberg war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Alle Maßnahmen des RBB sind vom Sparzwang abgeleitet. Folgende Rechnung macht der Sender auf. In der Gebührenperiode 2009 bis 2012 sollen der ARD-Anstalt voraussichtlich 54 Millionen Euro fehlen. Und das, obwohl die monatliche Gebühr zum 1. Januar von 17,03 Euro auf 17,98 Euro steigen soll, und damit die Einnahmen des RBB von rund 343 Millionen in diesem Jahr auf 353 Millionen Euro für 2009. Was den Sender dennoch von einem wahrscheinlichen Minus von 54 Millionen Euro im erwarteten Plus ausgehen lässt, sind die Gebührenausfälle. Derzeit sind 14,5 Prozent der Haushalte im Sendegebiet von der Gebühr befreit (der ARD-Durchschnitt liegt bei neun Prozent), in der RBB-Perspektive werden Abwanderung und Gebührenverweigerung noch zunehmen.

54 Millionen sind von 2008 bis 2012 rund 13 Millionen Euro pro Jahr. Das Aus für Radio Multikulti wird drei Millionen Euro per anno einsparen, das Ende von „Polylux“ ungefähr 1,5 Millionen Euro. Zudem werden die Sach- und Programmetats bei Radio und Fernsehen eingefroren, die Leistungen des RBB im Rahmen des ARD-Fernsehvertragschlüssel von 6,85 Prozent auf 6,6 Prozent gesenkt. Inklusive weiterer Sparbemühungen kommt der Sender auf 30 bis 35 Millionen Euro. Der RBB hofft, die Lücke zu den prognostizierten 54 Millionen werde sich durch minder heftige Gebührenausfälle quasi wie von selbst schließen.

Intendantin Dagmar Reim hat sich vom Rundfunkrat bereits testieren lassen, dass die aktuelle Situation plötzlich und unerwartet eingetreten ist. Ulrike Liedtke, die Vorsitzende des Gremiums, sagte, „der RBB ist unverschuldet in Not geraten. Er leidet unter Gebührenausfällen und darunter, dass die Rundfunkgebühren ungerecht verteilt werden.“ Wieder und wieder hat die RBB-Intendantin im Kreise ihrer Kollegen auf diesen Punkt hingewiesen – genutzt hat es nur wenig. Allein beim Fernsehvertragsschlüssel wurde dem RBB ein Stückchen entgegengekommen. Auch die alarmierten Regierungschefs von Berlin und Brandenburg werden so viel nicht erreichen. Für die übrigen ARD-Sender lebt die Zwei-Länder-Anstalt schlicht über ihre Verhältnisse. Wenn sich der viertgrößte Sender, der BR, nur fünf Hörfunkwellen leistet, wie kann dann die siebtgrößte Anstalt auf sieben Programme pochen? In der ARD kann es sehr kalt sein.

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