Re:publica 2013 in Berlin : Farben hören statt sehen

Neil Harbisson bezeichnet sich selbst als Cyborg, weil er über einen Computerchip Farben "hören" kann. Für ihn ist die Welt ein ständiges Konzert - nur Milch schweigt.

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Neil Harbisson bezeichnet sich als ersten staatlichen Cyborg - er kann über eine spezielle Elektronik Farben hören - statt sehen.
Neil Harbisson bezeichnet sich als ersten staatlichen Cyborg - er kann über eine spezielle Elektronik Farben hören - statt sehen.Foto: dpa

Wenn Neil Harbisson sich einen Salat macht, komponiert er Musik. Ganz automatisch, ohne Zutun - und doch oft ganz bewusst. Er kann mit einer Abfolge von Nahrungsmitteln einen Song von Justin Beaver nachspielen. Und das Kleid, dass seine Freundin und Künstlerkollegin Moon Ribas trägt, spielt für ihn "Moon River". "Nur Milch schweigt", sagt er. Neil Harbisson bezeichnet sich als den ersten staatlich anerkannte Cyborg. Mithilfe einer Kamera, eines Computerchips und einer Software kann er Farben hören. Er hat seine Sinne durch Technologie erweitert. Auf der Re:publica bot er den Zuhörern einen Einblick in seine Welt, eine "erweiterte Realität" voller Töne, Schwingungen und Melodien.

Neil Harbisson ist seit seiner Geburt farbenblind. Er kommt in Nordirland zur Welt und wächst in Katalonien auf. Schon als Teenager beginnt er, sich für Kunst und Musik zu interessieren, er besucht verschiedene Kunstschulen, wo er anfangs ausschließlich mit den Farben weiß, schwarz und grau arbeitet. Auch seine Kleidung ist schwarz und weiß, Farben sagen ihm nichts. 2003 hört er am Dartington College of Arts einen Vortrag über Cybernetik. Das Themenfeld begeistert ihn und etwa ein Jahr später beginnt er, an seinem eigenen Körper mit Cybernetik zu experimentieren, er nennt es das "Eyeborg-Projekt". Seit dieser Zeit trägt er eine Kamera, die vor seiner Stirn die Welt abfilmt und die Informationen an eine Chip sendet. Eine Software setzt die Farben in Töne um. 2004 musste Harbisson dazu noch einen fünf Kilo schweren Computer ständig bei sich tragen, um die nötige Rechenleistung zu generieren und er muss einen Kopfhörer tragen.

Re:publica 2013
In, Side, Out: Das Motte der bereits zum siebten Mal stattfindenden Internetkonferenz Re:publica. Auch in diesem Jahr geht es wieder um die Vernetzung und den Austausch mit anderen, um die Verknüpfung der digitalen und der realen Welt.Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: Jana Demnitz
08.05.2013 13:45In, Side, Out: Das Motte der bereits zum siebten Mal stattfindenden Internetkonferenz Re:publica. Auch in diesem Jahr geht es...

Heute sieht man nur noch die Kamera vor seiner Stirn, der Computer ist auf einen Chip am Hinterkopf geschrumpft, auch die Kopfhörer sind nicht mehr zu sehen. In diesem Jahr will sich Harbisson den Chip implantieren lassen. Der nächste Schritt sei dann, sagt er auf der Re:publica, den eigenen Blutkreislauf zu nutzen, um die nötige Energie bereitzustellen. Das plane er für 2014.

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Re:publica in Berlin
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Verschiedene Wissenschaftler, unter anderem aus Slowenien und Spanien, haben Harbisson geholfen, seine "Sehhilfe" immer ausgefeilter zu machen. Inzwischen kann er zwischen 350 Farbnuancen unterscheiden und auch die Farbintensität kann er wahrnehmen, da die Lautstärke der Töne variiert. Schon nach wenigen Monaten begann sein Gehirn, die Übersetzung von Farben in Tönen als natürlich wahrzunehmen. "Am Anfang fand ich es sehr chaotisch", sagt Harbisson auf der Re:publica. "Die Farben waren ja überall." Dann aber begann er, eine Intuition, ein Gefühl für verschiedene Farben zu entwickeln. Er begann sogar, farbig zu träumen - also in seinen Träumen die Töne für bestimmte Farben zu hören. "Ich spürte keinen Unterschied mehr zwischen der Software und meinen Sinnen", sagt er heute.

Manchmal allerdings verwechselt er Töne, die er mit seinem nicht erweiterten Gehör wahrnimmt, mit Tönen, die durch Farben erzeugt werden. Sein Handy zum Beispiel nimmt er als "grün" wahr, weil der Klingelton dem Ton entspricht, den sein "Sehgerät" für grün erzeugt. Seinen Kühlschrank strich er violett an, weil er es als dissonant empfand, dass das Brummen des Kühlschranks sich wie violett anhörte, er beim Blick auf den Kühlschrank aber gleichzeitig einen Ton für eine helle Farbe hörte.

Das mit der "staatlichen Anerkennung" kam schon 2004. Harbisson hatte Ärger mit den Behörden in Großbritannien, als er einen neuen Reisepass beantragte. "Elektronische Geräte", so heißt es in den Regulierungen, "sind auf Passbildern nicht erlaubt." Zu diesem Zeitpunkt aber war Harbisson schon so mit seinem Gerät verschmolzen, dass es ihm unnatürlich schien, es abzusetzen. Außerdem wollte der Künstler wohl ein Zeichen setzen. Er ließ sich von seinem Arzt ein Attest schreiben - und die Behörde lenkte ein. Auf dem Passbild ist die Kamera vor seiner Stirn zu sehen, ebenso wie die Kopfhörer, die er damals noch trug.

Harbisson ist ein dünner Kerl, auf der Re:publica steckt er in einer pinken Hose, dazu ein rotes Jackett. Er ziehe sich immer seiner Stimmung gemäß an, sagt Harbisson. Der Künstler hat seine Arbeiten in dem Maße weiterentwickelt, wie sich seine elektronische Hilfe weiterentwickelte. Einmal ist er gemeinsam mit Moon Ribas durch europäische Städte gelaufen. Ribas ist ebenfalls ein Cyborg. Die Tänzerin trägt ein Gerät am Hinterkopf, dass Bewegungen wahrnimmt, die sie nicht sieht, und als Vibration auf ihren Körper überträgt. Mit beiden erweiterten Sinnen haben sie die Städte wahrgenommen und daraus ein Video gemacht. Lissabon zum Beispiel klingt tiefer als Budapest, noch tiefer aber ist der Ton von Wien. Die schnellste europäische Stadt ist London, die langsamste der Vatikan. In einem anderen Kunstprojekt hat Harbisson die Gesichter von Menschen in Töne umgewandelt. "Die meisten Menschen glauben, zwei gleichfarbige Augen zu haben. Bei den wenigsten stimmt das." Eines seiner liebsten Gesichter ist übrigens das von Prinz Charles: "Wunderbar, da sind so viele unterschiedliche Farben. Er klingt sehr musisch."

Harbisson hat es sich auf die Fahnen geschrieben, mehr Menschen für die Erweiterung ihrer Sinne und für Experimente mit neuen Realitätserfahrungen zu gewinnen. 2010 hat er gemeinsam mit Moon Ribas die "Cyborg Foundation" gegründet, die sich für die Rechte der Cyborgs einsetzt und "Cyborgism" fördern will, eine künstlerische Bewegung, in der Künstler mit sinneserweiternden Technologien arbeiten. "Wir fordern euch alle auf, es auszuprobieren, ein paar Wochen oder Monate - oder für immer", ruft er seinem Publikum zu. "Die Technologie ist schon da. Es gibt so viele Möglichkeiten für uns alle." Nur ein Problem steht dem in Deutschland im Weg: Die ängstlichen Deutschen glauben immer gleich, er wolle sie filmen, wenn sie seine Kamera sehen.

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