Reaktionen : Große Ehre – Kulturbruch

Wie "Bild" und "Süddeutsche Zeitung" über den Nannen-Preis berichten.

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Zu den Phänomen der „Bild“-Zeitung gehört auch, dass das Boulevardblatt die mit 2,7 Millionen Exemplaren höchste Auflage aller Tageszeitungen erzielt und zugleich die wenigsten Preise einfährt. Da ist es nicht untertrieben, wenn das Blatt in der Samstagsausgabe bei der Berichterstattung über seinen Nannen-Preis in der Kategorie „Investigation“ von „Großer Ehre“ spricht und schreibt: „Über diesen Preis freuen sich alle Kollegen der Bild!“ Die Freude wird von einer kleinen Demutsgeste begleitet. „Die Jury des Henri-Nannen-Preises vergab die Auszeichnung sowohl an die Bild-Redakteure als auch an den Doyen des deutschen Investigativjournalismus, Hans Leyendecker (,Süddeutsche Zeitung’), für seine Enthüllung rund um die Bayerische Landesbank und Verträge mit der Formel-1.“ Dass der Doyen und seine „SZ“-Kollegen Nicolas Richter und Klaus Ott ihren Nannen-Preis ablehnten, wird im „Bild“-Bericht nicht verschwiegen. Die Jury-Entscheidung sei zu akzeptieren, wird Leyendecker zitiert. Allerdings wollten er und seine Kollegen den Preis nicht gemeinsam mit den „Bild“-Journalisten annehmen. „Leyendecker wies ausdrücklich darauf hin, dass sich dies nicht gegen die ,Bild’-Kollegen richte“, hieß es auf Seite 2 der Zeitung.

Erkennbar ist, dass das Boulevardblatt sich über den Affront, der in der Ablehnung des Nannen-Preises durch die „SZ“Rechercheure steckt, nicht erregen wollte. Für „Bild“ zähle vielmehr, wie aus der Redaktion zu hören ist, dass eine journalistische Leistung dieser Zeitung auf einer Stufe mit der sogenannten seriösen Presse gesehen werde. Bitte mehr davon. Leyendecker hatte die Jury-Entscheidung für einen doppelten Nannen-Preis laut „Bild“ selbst „ein Stückchen einen Kulturbruch“ genannt. „Bild“-Chef Kai Diekmann ließ sich davon nicht beirren. „Ich freue mich sehr, dass die gute journalistische Arbeit unserer Redaktion von der Jury entsprechend gewürdigt wurde“, teilte er am Samstag mit.

Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete am Samstag auf der Medienseite nur kurz über die Vergabe im Hamburger Schauspielhaus. In dem Text steht unter der Überschrift „Kulturbruch“: „Die SZ-Journalisten bedankten sich für die Nominierung, lehnten den Preis – genannt: Henri – jedoch ab. ,Wir möchten nicht gemeinsam mit der Bild ausgezeichnet werden’, sagte Hans Leyendecker.“

Die Frage, ob ein Boulevardblatt auch Qualitätsjournalismus kann, wird Kreise ziehen. Der Medienwissenschaftler Michael Haller kritisierte im Deutschlandradio Kultur, „Bild“ habe gezielt Informationen zurückgehalten, um der Berichterstattung über Christian Wulff eine Dramaturgie zu geben und eine erhöhte Aufmerksamkeit zu bekommen. Um Aufklärung sei es dem Blatt weniger gegangen. Zum Teil habe die „Bild“ als „Trittbrettfahrer“ von der Recherche anderer Medien profitiert, zum Teil als „Demontierer von Prominenz“ agiert. Joachim Huber

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