Medien : Reality-TV-Serie: Die Paarungsinsel

Malte Lehming

Drei Dinge beschäftigen Amerika zur Zeit, und zwei davon haben am Rande mit Sex zu tun: der ungewöhnlich kalte Winter in Verbindung mit den ungewöhnlich hohen Heizölpreisen; die ersten Skandälchen um den neuen Präsidenten, von dem inzwischen selbst Bill Clinton öffentlich mutmaßt, er sei unrechtmäßig an die Macht gelangt; und schließlich "Temptation Island", eine neue Reality-TV-Serie, die am Mittwoch abend auf Fox Premiere hatte.

"Temptation Island" ist das, was in Deutschland "Big Brother" war. Hier wie dort sind es vor allem junge Menschen, die das neue Format aufregend finden, während das kulturelle Establishment in der Igitt-Pose verharrt. Auch auf CNN lief unmittelbar vor der Ausstrahlung noch eine von unzähligen Diskussionsrunden, in denen ein Hüter der Moral auf einen Hüter des Rechts auf die freie Verbreitung jeden Blödsinns prallte. Am Ende hatte CNN sogar eine neue Reklameformel für sich selbst erfunden: "Wir machen wirklich Reality-TV".

In "Temptation Island" werden auf raffinierte Weise zwei Sünden kombiniert - die Wolllust und die Eifersucht. Vier nicht-verheiratete Paare, die zwischen anderthalb und fünfeinhalb Jahren zusammen sind, fahren für zwei Wochen auf eine tropische Insel in der Karibik. Hier treffen sie auf 26 äußerst spärlich bekleidete Singles, die allesamt einen prächtigen Körper sowie die Aufgabe haben, jeweils eines der Pärchenhälften zu verführen. Die genaue Identität der Mitspieler gibt "Fox" nicht Preis, um deren "Privatsphäre zu schützen", wie es heißt. Bekannt aber ist, dass unter den Frauen eine frühere Miss Georgia mitwirkt, ein ehemaliges Playboy-Model, eine Krankenschwester und eine Barfrau. Die Männer wiederum sind Masseur, Sportlehrer und Autovermieter. Kurz nach ihrer Ankunft werden die Paare getrennt. Die vier Frauen kommen mit den männlichen Singles auf die eine Seite der Insel, die vier Männer mit den Single-Frauen auf die andere Seite. Ab dem Moment ist alles offen. Vorsorglich hat "Fox" alle auf Geschlechtskrankheiten untersucht. Resümee der ersten Folge: Es gab viel Verwirrung, keine einzige scharfe Szene, aber am Ende ging der Zuschauer mit dem Gefühl ins Bett, die nächste Folge werde besser sein. Das Hauptproblem: Wer soll sich in 45 Minuten die Namen von 34 Menschen merken? Die Paare blieben blass, die Singles käseweiß.

Nach ihrer Ankunft mussten die Pärchen zwei Dinge tun: Als erstes durften die vier Männer einen männlichen Single, die vier Frauen einen weiblichen Single nach Hause schicken, von dem sie annahmen, dass er ihnen besonders gefährlich werden könnte. Als zweites durfte jedes der acht Pärchenhälften eine Single-Person bestimmen, die für den jeweiligen Partner tabu ist. Als auch das vorbei war, wurde noch ein bisschen Volleyball gespielt (immer noch halbnackt) und zu Abend gegessen (etwas angezogener). Danach trennten sie sich dann für die nächsten zwölf Tage (rührende Umarmungen, Treueschwüre, erste Streitansätze). Unter Tränen nahmen die Paare Abschied, wenig später sah man bereits, wie die vier Männer auf ihrer Inselhälfte mit den zwölf verbliebenen Single-Frauen den Rest der Nacht eine halbwilde Strandparty feierten. Man ahnt Böses. Und in der nächsten Folge werden die Bilder von dieser Party noch einmal zu sehen sein. Denn um die Eifersucht zu steigern, werden den Kandidaten am Ende jeder Sendung Videos vorgespielt mit den heißesten Szenen ihrer Partner.

Um eine solche Sendung in Amerika ausstrahlen zu können, mussten die Produzenten auf zwei Dinge achten: Die Pärchen dürfen weder verheiratet sein noch Kinder haben. Wären sie verheiratet, wäre ein Seitensprung Ehebruch, wären Kinder da, wären Unschuldige von einer möglichen Trennung betroffen. Gegen die zweite Regel jedoch wurde bereits verstoßen. Das einzige schwarze Pärchen, Taheed und Ytossie, wird nach der zweiten Folge ausscheiden, weil es ein gemeinsames Kind hat. Das wiederum wollen die Produzenten erst vor wenigen Tagen erfahren haben. Wortreich entschuldigte sich der Sender für die Panne.

Was ist sonst noch zu sagen? Erstens: Nach Techno ist Reality-TV der zweite europäische Kulturexport ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Der alte Kontinent holt auf. Sogar "Tatort"-Filme werden hier mit Untertiteln gezeigt. Leider hat immer noch Wrestling die höchsten Einschaltquoten. Zweitens: Je exotischer die Spielregeln, desto irrealer wird Reality-TV. Bei "Big Brother" waren die Kameras dezent versteckt, viele Szenen wirkten authentisch. Auf einer Karibik-Insel bei Belize dagegen laufen die Kamera-Teams quer durch das Bambushüttenstranddorf den Kandidaten bis ins Wasser hinterher, dadurch wirkt jede Spontaneität reichlich gestellt. Und drittens: Mehr Menschen, als man denkt, sind gar nicht schön, sondern sehen nur schön aus.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben