Reality-TV : Straflager! Feriencamp!

Eine Reality-Show über ausgesetzte Kinder erregt die USA. Im US-Wüstenstaat New Mexico wollte CBS eine paradiesische Nation der Kinder erschaffen. Nun untersuchen Behörden, ob bei den Dreharbeiten gegen die Gesetze zur Kinderarbeit verstoßen wurde.

Sonja Pohlmann[AFP]

Auf den ersten Blick scheint Bonanza City die Welt zu sein, von der Kinder träumen: Hier gibt es keine nervigen Lehrer, schimpfende Eltern oder andere Erwachsene. Nur Kinder. Sie dürfen essen, worauf sie Lust haben. Aufräumen, wenn es ihnen passt. Und ins Bett gehen, wann sie wollen – es ist eine Welt, in der sie selbst die Regeln bestimmen. „Kids Nation“ heißt sie, die Nation der Kinder. Der amerikanische Fernsehsender CBS hat sie im US-Wüstenstaat New Mexico erschaffen, um darüber eine Reality-Show à la „Big Brother“ zu drehen. Nächsten Mittwoch soll die Sendung in den USA starten. Doch bereits vorab sorgt die Show für großen Wirbel. Denn was sich für die Kinder zunächst anhörte wie ein Traum, entpuppte sich anscheinend in der Realität als Albtraum: Wie in der literarischen Vorlage „Herr der Fliegen“ von William Golding kamen in der „Kids Nation“ ethische und rechtliche Problemen auf. Die geplante Ausstrahlung wird deshalb zunehmend infrage gestellt.

40 Kinder im Alter zwischen 8 und 15 Jahren hatte CBS für die Show gecastet. Sie sollten in der „Kids Nation“ ihre eigene Welt erschaffen – ohne dass ihnen ein Erwachsener zur Seite steht. Nicht nur, dass sie in der Geisterstadt Bonanza City Wasser organisieren mussten, weil es keine Leitungen gab. Sie mussten Essen kochen und Arbeitsaufträge erledigen, inklusive der Bewirtschaftung des Saloons (mit alkoholfreiem Bier), wirbt der CBS auf seiner Internetseite. Vor allem aber, betont der Sender, mussten die Kinder mit ihren Gefühlen klarkommen: Heimweh, Gruppendruck und dem Drang, jede Regel zu brechen, die sie jemals gelernt haben. „Werden sie das durchstehen?“, fragt CBS.

Anscheinend nicht besonders gut. Die Dreharbeiten der Show fanden im April und Mai statt. Jetzt wurde bekannt, dass die Kinder dabei gezwungen worden seien, bis zu 14 Stunden täglich zu arbeiten. Behörden in New Mexico untersuchen derzeit, ob bei den Dreharbeiten gegen die Regeln zur Kinderarbeit verstoßen wurde. Außerdem habe sich ein Vater beschwert, dass seine Tochter bei einem Küchenunfall im Gesicht verbrannt worden sei. Andere Kinder sollen versehentlich Chlor getrunken haben.

Der Erfinder der Sendung, Tom Forman, weist die Anschuldigungen zurück. „Die Kinder waren in guten Händen“, teilte Forman mit. Die Sicherheitsbestimmungen seien mindestens genauso streng gewesen wie die „jedes beliebigen Ferienlagers im ganzen Land“. Die Kinder hätten nicht gearbeitet, sondern „teilgenommen“ und dabei ihren eigenen Stundenplan festgelegt. Ein Expertenteam von Psychologen und Medizinern hätte den Kindern zur Seite gestanden.

Die Kritiker haben sich davon nicht überzeugen lassen. Der Fernsehreporter Barry Garron meinte, CBS solle sich für die unausgegorene Idee entschuldigen. Robert Thompson, Professor für Populärkultur, fragt: Muss man Achtjährige in einem landesweiten Fernsehsender zur Schau stellen?

CBS hat jedem Teilnehmer 5000 Dollar (3700 Euro) gezahlt, insgesamt gab es Prämien in Höhe von bis zu 20 000 Dollar zu gewinnen. Das sei für ihre Einwilligung nicht ausschlaggebend gewesen, gaben mehrere Eltern zu Protokoll. Trotzdem: Die Väter und Mütter wussten, dass die Show für ihren Nachwuchs gefährlich werden könnte.

So mussten die Eltern Teilnahmebedingungen unterschreiben, in denen sie die Produktionsfirma von jeglicher Verantwortung entbanden, falls ihre Kinder durch unvorhersehbare Ereignisse „schwere Verletzungen, Krankheiten oder auch den Tod“ erleiden würden.

Erfinder Forman sagt, Ziel der Sendung sei eigentlich gewesen, „dass Kinder dort erfolgreich sind, wo die Erwachsenen scheitern“ – nämlich beim friedlichen Zusammenleben in einer Gemeinschaft. Ein Blick in den Roman „Herr der Fliegen“ hätte Formann warnen können: Dort entwickelt sich am Ende eine noch gewalttätigere Gesellschaft als die, in der auch Erwachsene leben.

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