Rebellen : Wer ist Gaddafi?

Gegen das Despoten-TV: Libyens Aufständische haben ein eigenes Fernsehen gegründet.Gesendet wird aus Doha und Bengasi.

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So fing alles an. Das provisorische Studio des ersten Fernsehsender der Aufständischen in Bengasi, „Freies Libyen“, unter dem Dach des Justizpalastes. Foto: Katharina Eglau
So fing alles an. Das provisorische Studio des ersten Fernsehsender der Aufständischen in Bengasi, „Freies Libyen“, unter dem Dach...Foto: Katharina Eglau, Winterfeldtstr.

Ein Zeichentrickfilm ironisiert seine eifernden Durchhaltereden. Unter dem Titel „Wer ist Gaddafi?“ folgt eine Bilderserie des Despoten mit ausländischen Staatsmännern. Rapsongs zu Fotos von Verletzten wechseln mit patriotischen Liedern unterlegt mit romantischen Landschaftsaufnahmen aus Libyen. Aktuelle Berichte von der Front sind meist von BBC, CNN und Al Dschasira übernommen. Dazwischen gibt es mit wackeliger Handkamera gedrehte Lokalreportagen aus den Tagen, als Gaddafis Truppen vor den Toren der Stadt standen und die Wohnviertel mit Raketen beschossen.

Seit knapp einer Woche ist in Libyen das Fernsehmonopol des Regimes gebrochen. Fast gleichzeitig gingen zwei Programme der Aufständischen über den Satelliten Arab Sat auf Sendung, die nun dem Propagandaapparat Gaddafis Paroli bieten. „Freies Libyen“ arbeitet von Benghasi aus, „Libya TV“ sitzt in Qatars Hauptstadt Doha. Den Auftakt machte „Freies Libyen“ vor acht Tagen mit Geständnissen von Gaddafi-Soldaten, die in einer Kaserne der Hafenstadt gefangen sind. Ihnen sei gesagt worden, sie dürften mit der aufständischen Bevölkerung machen, was sie wollen – die Männer erschießen, die Frauen vergewaltigen. In ihren Fahrzeugen habe man große Mengen von Viagra-Tabletten und Kondomen gefunden, hieß es weiter in dem Bericht.

Die beiden Gründer Zuhair al Barasi und Mohammed Nabboos fanden sich am ersten „Tag des Zorns“, dem 17. Februar, zufällig zusammen in einer Nische des Justizpalastes wieder, wo sie Schutz suchten vor den Polizeikugeln, Tränengas und Schlagstöcken. Der 32-jährige Barasi arbeitete bis dahin als Dolmetscher für eine tschechische Firma. Naboos, der aus einer wohlhabenden Unternehmerfamilie stammt, war Geschäftsführer eines Vergnügungsparks für Jugendliche mit Kunsteisbahn und Kletterwänden.

Noch im Kugelhagel schworen sich die beiden, einen Fernsehsender der Aufständischen aufzubauen. Zunächst produzierte ihr Team unter dem Dach des Justizpalastes, dem Nervenzentrum der Rebellen, von wo aus sie ihr Programm als Livestream ins Internet stellten. Vor acht Tagen ging es dann per Arab-Sat in ganz Nordafrika auf Sendung – sechs Stunden täglich, zu sehen unter www.livestream.com/libya17feb. Doch da war Mitgründer Mohammed Nabboos bereits tot, abgeknallt von in der Stadt versteckten Gaddafi-Scharfschützen, die losschlugen, als am „schwarzen Samstag“ kurz vor Beginn der alliierten Luftangriffe Gaddafis Panzer und Raketenwerfer Benghasi angriffen.

Während „Freies Libyen“ von Benghasi aus arbeitet, kommt das zweite Rebellenprogramm „Libya TV“ aus Doha in Qatar. Initiator ist Mahmud Shammam, ein seit 35 Jahren im Exil lebender libyscher Journalist, der in den USA studierte, zehn Jahre für die arabische Ausgabe von „Newsweek“ arbeitete und später bei Al Dschasira im Vorstand saß.

Seine bisher 20 Mitarbeiter suchte er über Facebook zusammen. Innerhalb von zwei Wochen stampfte er alles aus dem Boden, die Technik konnte er von einem lokalen Kulturkanal in Doha anmieten. Finanziert wird der Sender durch reiche libysche Geschäftsleute im Ausland, einer steuerte sofort 250 000 Dollar bei. Vier Stunden täglich dauert das Programm zunächst einmal.

Qatar zählt inzwischen zu den wichtigsten Unterstützern des libyschen Aufstands. Als einziges arabisches Land anerkannte das Emirat den „Provisorischen Nationalrat“ der Rebellen als „einzige legitime Vertretung des libyschen Volkes“. Mit vier Jagdbombern ist es an den alliierten Luftangriffen beteiligt und liefert den Rebellen mit Tankschiffen Benzin nach Tobruk. Der von Emir Hamad bin Khalifa al-Thani finanzierte Sender Al Dschasira erbost nicht nur Libyens Muammar al Gaddafi, sondern alle nahöstlichen Potentaten, die um ihre Throne fürchten.

„Fuck Qatar und Al Dschasira“ tobte Gaddafis Sohn Seif al-Islam in einem Interview mit der Zeitung „Al-Sharq al-Awsat“. Kurz danach lockten Getreue des Regimes nahe Benghasi ein Team von Al Dschasira in einen Hinterhalt. Kameramann Ali Hassan al Jaber, der auf dem Rücksitz saß, wurde tödlich getroffen. An der Beerdigung in seiner Heimat Qatar nahm demonstrativ auch Staatschef Hamad bin Khalifa al Thani teil.

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