Medien : Recherchieren ohne Grenzen

Venio Quinque

Der Watergate-Skandal ist das Symbol des Investigativen Journalismus: Die Enthüllung der Machenschaften um US-Präsident Richard M. Nixon führten letztlich zu seinem Rücktritt. Investigativer Journalismus ist seitdem ein US-Markenzeichen. Die Realität heute ist eine andere: "Investigative Recherchen werden vornehmlich von kleineren und mittleren Zeitungen gemacht", sagt Maud S. Beelman, Direktorin des "Internationalen Konsortiums Investigativer Journalisten" (ICIJ) in Washington, DC. "Die großen Konzern-Multis mit angeschlossenen Medienhäusern sparen an den Investigativ-Ressorts. Eine über Monate laufende Recherche mit ungewissem Ertrag wollen sich viele nicht mehr leisten." Bisweilen würden kritische Veröffentlichungen gar verhindert, sagte Maud S. Beelman am Mittwoch bei einem Gespräch im Hamburger Hans-Bredow-Institut für Medienforschung.

Weltweit gehören rund 80 Journalisten aus 45 Ländern zu dem 1997 gegründeten Konsortium. Die Aufnahmekriterien sind streng. Zwei Mitglieder kommen aus Deutschland: Georg Mascolo ("Spiegel") und Hans Leyendecker ("Süddeutschen Zeitung"). Ziel des ICIJ ist es, grenzübergreifende Recherche zu unterstützen: "Die Wirtschaft ist global Drogen- und Waffenhandel waren es schon immer. Solche Themen kann man nicht nur unter nationalen Aspekten publizieren." Damit Enthüllungen nicht am Budget oder an Kontakten in andere Länder scheitern, können die Journalisten über die Internet-Seite www.icij.org Verbindung zueinander aufnehmen. Um grenzüberschreitende Recherche zu fördern, vergibt das unabhängige Konsortium jährlich einen mit 20 000 Dollar dotierten Preis: In diesem Jahr ging er an eine südafrikanische TV-Doku, in der die Verstrickung eines Bischofs in den Genozid in Ruanda aufgedeckt wurde.

Befremdet verfolgte Beelman den Umgang mit investigativen Journalisten in Deutschland: Kürzlich standen drei "Zeit"-Redakteure vor Gericht, nachdem sie über Aktenvernichtung im Bundeskanzleramt berichtet hatten, zu der es im Rahmen des CDU-Parteispendenskandals in den letzten Tagen der Regierung Kohl kam. Weil die Redakteure wörtlich aus den Vernehmungsprotokollen zitiert hatten, wurden sie verurteilt. Als Beelman hörte, dass der Hamburger Justizzsenator Roger Kusch damals Referatsleiter im Kanzleramt war, staunte sie: "Steht das in keiner Zeitung?"

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