• Rechtsextremismus: Ursachenforschung - Arte-Themenabend beleuchtet rechte Gewalt in Deutschland

Medien : Rechtsextremismus: Ursachenforschung - Arte-Themenabend beleuchtet rechte Gewalt in Deutschland

Kerstin Decker

Es beginnt mit der Geschichte eines 17-Jährigen, der in einer Kleinstadt vor seinen alkoholsüchtigen Eltern zu den Neonazis flieht. Sicherheit sucht er, Akzeptanz, Gemeinschaft, Sinn. Uwe Friesners "Hass im Kopf" ist ein Spielfilm. Hier ist Umkehr durch Erfahrung möglich. Der Arte-Themenabend (heute, 20 Uhr15) heißt "Rechte Gewalt - Gefahr für die Demokratie". Wer ist in Gefahr? Bei Friesner ist es Fredy, der 17-Jährige. In unserer Wahrnehmung sind es die Ausländer in Deutschland. Zuletzt ist es die Demokratie?

Diskussionsrunden haben einen anderen Blick als Filme. Sie sind abstrakter. Man fragt nicht mehr nach "Fredy", sondern nach "Ursachen". Michel Friedman, Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, nennt im nachfolgenden Gespräch "den staatlich gerechtfertigten Rassismus in der DDR" als eine Ursache des Rechtsradikalismus. Leider sind die Diskussionsrunden zu kurz, um solche Abstrakta zu prüfen. Interessant ist, dass der französische Moderator unwillkürlich den Ostblick übernimmt. War nicht eher das Misslingen eines Teils der Vereinigung schuld, fragt er. Und "Le-Monde"-Journalist Daniel Vernet spricht gar von der "Annexion" des Ostens und ihren mentalen Folgen.

Diskussionen, wenn sie konzentriert sind wie diese, können solche Interpretationsräume ausmessen. Vor allem, wenn die Beteiligten ihre Argumente wägen. Denken ist differenzieren. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse sagt nicht: Das DDR-Ideal von Gerechtigkeit und Gleichheit hat die Ostdeutschen zu Uniformisten gemacht. Stattdessen sagt er, dass es ihm fernliegt, dieses Ideal zu denunzieren, aber man müsse auch die Rückseite sehen, die uniformistische Tendenz im Osten.

Michel Friedman sieht den Zeitpunkt gekommen, dass sich die deutsche Gesellschaft zehn Jahre nach der Vereinigung eingestehen muss, dass es eine rassistische deutsche Tradition gibt, die nicht zehn Jahre, sondern hunderte Jahre alt ist. Beinahe eine Gegenthese zu Friedman lässt der nachfolgende Film "Europa von rechts außen" erkennen. Egal ob in Dänemark, Deutschland, Frankreich, Italien oder Österreich. Kein Hass kommt aus bloßer Tradition. Aber er benutzt Traditionen.

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