Rede im Wortlaut : Reich-Ranicki: „Ich bin skeptisch, ob etwas daraus wird“

Minutenlang hatten die Gäste im Coloneum Marcel Reich-Ranicki, dem Träger des Ehrenpreises des Deutschen Fernsehpreises 2008, mit Standing Ovations applaudiert, bevor der Literaturkritiker zu einer der überraschendsten Reden in der deutschen Fernsehgeschichte ansetzte. Seine Ausführungen im Wortlaut.

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Als scharfer Kritiker ist Marcel Reich-Ranicki seit langem bekannt. Das bekamen nun auch die Stifter des Deutschen Fernsehpreises...Foto: dpa

"Meine Damen und Herren,

ich habe in meinem Leben, in den 50 Jahren, die ich hintereinander in Deutschland bin, viele Literaturpreise bekommen. Sehr viele, darunter auch die höchsten wie den Goethe-Preis, den Thomas-Mann-Preis. Ich habe immer gedankt für diese Preise, wie es sich gehört. Und bitte verzeihen Sie mir, wenn ich offen rede: Es hat mir keine Schwierigkeiten bereitet, für die Preise zu danken. Heute bin ich in einer ganz schlimmen Situation. Ich muss auf den Preis, den ich erhalten habe, irgendwie reagieren. Und der Intendant (des ZDF Markus) Schächter sagte zu mir: „Bitte, bitte, bitte nicht zu hart.“ In der Tat: Ich möchte niemanden kränken, niemanden beleidigen oder verletzen. Nein, das möchte ich nicht. Aber ich möchte auch ganz offen sagen: Ich nehme diesen Preis nicht an!

Ich hätte das, werden Sie denken und sagen, früher erklären sollen. Natürlich, aber ich habe nicht gewusst, was hier auf mich wartet, was ich hier erleben werde. Ich gehöre nicht in diese Reihe der heute - vielleicht sehr zu Recht - Preisgekrönten. Wäre der Preis mit Geld verbunden, hätte ich das Geld zurückgegeben. Aber er ist ja nicht mit Geld verbunden. Ich kann nur diesen Gegenstand, der hier verschiedenen Leute überreicht wurde, von mir werfen oder jemanden vor die Füße werfen.

Ich kann das nicht annehmen. Und ich finde es auch schlimm, dass ich hier viele Stunden das erleben musste. Es gibt ja Abende, die man ganz schön erlebt. Nein, ich werde Ihnen jetzt nicht sagen mit der Lektüre von Goethe oder Bertolt Brecht, nein, man kann im Arte-Programm manchmal sehr schöne, wichtige Sachen sehen. (Beifall aus dem Publikum). Ich habe auch früher häufig Wichtiges im 3sat-Programm gesehen. Aber das hat sich jetzt geändert. Meist kommen da schwache Sachen. Aber nicht der Blödsinn, denn wir hier zu sehen bekommen haben. Ich will nicht weiter darüber reden, es sind ja auch hier Kollegen von mir auf der Bühne gewesen wie Stefan Aust oder (Helmut) Markwort und Thomas Gottschalk…

Thomas Gottschalk: Darf ich einen Rettungsversuch unternehmen?

Reich-Ranicki: Los.

Gottschalk: Also. Ein Vorschlag zur Güte. Sie haben, wie immer, völlig recht. Aber, ich finde, wir sollten uns rächen. Sie können nicht einfach nach Hause gehen. Hier sitzen die Intendanten des ZDF, der ARD, von RTL. Wir setzen uns gemeinsam eine Stunde im Fernsehen hin, stellen diesen Preis in die Ecke und reden über alles das, worüber man nicht mehr im Fernsehen redet: über Bildung, über Lesen, über Erziehung…

Reich-Ranicki: … über Literatur …

Gottschalk: … über Literatur zum Beispiel. Darf ich das als ein Güteangebot anbieten (wohlwollend-zustimmendes Kopfnicken von ZDF-Intendant Markus Schächter, vehementes verneinendes Kopfschütteln von RTL-Chefin Anke Schäferkordt, lächelnde Zustimmung von WDR-Intendantin Monika Piel). Damit Sie nicht mit leeren Händen nach Hause gehen, würde ich den Preis für Sie aufbewahren? Wir machen das an einem Sonntagabend und ich bereite mich auf die Veranstaltung vor, ist das in Ordnung?

Reich-Ranicki: Jawohl, ich akzeptiere das. Wenngleich ich skeptisch bin, ob etwas daraus wird. "

Niedergeschrieben von Kurt Sagatz.

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