Medien : Reden, bis der Armstrong kommt

Tour-Kommentatoren meistern die Endlos-Übertragungen

Matthias Kalle

Mit dem Fernsehen, wie wir es eigentlich kennen, hat das alles nichts zu tun: Am Sonntag stürzte der Radfahrer Jan Ullrich bei einer Bergabfahrt, er überschlug sich ein paar Mal, am nächsten Tag musste er ins Krankenhaus, der Gewinn der Tour de France stand auf dem Spiel – und im Fernsehen sah man davon nichts. Gar nichts. Überhaupt nichts. Was man sah, waren Fahrer aus Ullrichs Team, die auf ihn warteten, dann sah man Ullrich und ein paar Striemen an seinen Beinen und Armen, die hätte er sich auch aufmalen können. Tage zuvor stürzte Jan Ullrich kopfüber in das Heckfenster seines Teamwagens, danach trug er ein Pflaster am Hals und verlor das Zeitfahren. Bilder des Unfalls? Gab es nicht. Deshalb hat die Übertragung der Tour de France von ARD und ZDF mit dem Fernsehen, wie wir es kennen, bei dem es Bildern von allem gibt, nichts zu tun. Ist das gut oder schlecht?

Das ist natürlich erst mal schlecht, die Zuschauer bleiben weg. Am Anfang, beim ersten Zeitfahren, schauten noch 3,4 Millionen Menschen zu, dann verlor Ullrich, und eine Woche später wollten nur noch knapp zwei Millionen die Tour-de- France-Berichterstattung sehen. Vielleicht weil die meisten meinen, den Ausgang bereits zu kennen (Armstrong gewinnt, gähn!), vielleicht aber auch, weil so eine Etappen-Übertragung furchtbar langweilig ist. Aber ist sie das wirklich? Oder ist es vielleicht sogar ein Kunststück, Langeweile darzustellen, und sie gleichzeitig zu bekämpfen?

Das Personal von ARD und ZDF tut das, stundenlang, jeden Tag. Für den Kampf gegen die Langeweile schickt die ARD ihre Spitzenkräfte nach Frankreich: Monica Lierhaus, die einem wegen ihrer Sicherheit langsam unheimlich wird, moderiert mit dem ehemaligen Radprofi Marcel Wüst, der beweist, dass es anscheinend Sportarten gibt, die den Intellekt fördern. Die Rennen werden kommentiert von Hagen Boßdorf und Herbert Watterott – sie sind wie die beiden Opas aus der Muppet-Show auf Valium. Watterott ist in diesem Jahr zum 40. Mal bei der Tour, und wenn er redet, dann ahnt man: Der Mann kennt jeden, der in den letzten vierzig Jahren mal ein Fahrrad aufgepumpt hat. Watterott ist zuständig für die Anekdoten, er kommentiert nicht, er plaudert und übernimmt so die Rolle des Märchenonkels. Wenn gerade gar nichts passiert, erzählt er von früher, dann wird er nostalgisch und er schweift ab, aber Boßdorf holt ihn dann ohne Anflug von Aufregung zurück, weil eigentlich nichts passierte.

So ging das eine Woche – bis gestern. Da gab es die erste schwere Bergetappe der Tour, es ging von Grenoble hoch nach Courchevel, das ZDF übernahm. Die haben Peter Leissl, er ist ein Fachmann für Ausdauersportarten, er kommentiert mit Ironie, er nimmt nie sich, aber das Ereignis ernst, deshalb fährt er auch fast jeden Berg einer Tour de France selber hoch. An seiner Seite sitzt Rolf Aldag, der fuhr mal für Ullrichs Team und spielt die Rolle des „Experten“ ähnlich souverän wie Wüst. Leissl und Aldag schafften gestern das, was sich so wahnsinnig leicht anhört und so schwer ist: Bisschen plaudern zu Anfang, spekulieren, wer wann warum attackiert, und: warten. Warten darauf, dass etwas passiert, irgendetwas, dann, plötzlich, stürzt Armstrong auf der Abfahrt – nein! – es ist Popovych, und Jan Ullrich muss aufs Klo, erledigt dies aber während der Fahrt, Sappalott!, dann wird es wieder flach, und Leissl und Aldag reden – nie aufgeregt, auch mal über romanische Kirchen, man hört gerne zu, sieht sich die Bilder an , sogar die „Info-Grafiken“ nerven nicht, sie transportieren tatsächlich Informationen, schon geht es wieder hoch nach Courchevel, wo sich die Dramen abspielen, und die Hauptrolle spielt wie immer Jan Ullrich, Leissl und Aldag staunen, wie Armstrong da hochfährt und im Ziel ist dann alles wie immer, wie jedes Jahr.

Mit dem Fernsehen, wie wir es eigentlich kennen, hat das alles nichts zu tun. Und vielleicht kann man sich deshalb nicht satt sehen daran.

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