Reden ist Gold : Talkshows: Gradmesser fürs Gemüt
29.07.2012 00:00 UhrSind die Einsprüche des ARD-Programmbeirats gänzlich gegenstandslos?
Hier sehen und hören wir viel über die Gemütsbewegungen, denen sich Mehrheiten im Land durch Krisen, Ängste, soziale Verwerfungen oder Versagern auf Regierungsbänken ausgesetzt sehen. Talkshows spiegeln diese Stimmungen, was der Grund dafür ist, dass sie trotz ihrer TV-„Inflation“ so beliebt sind. Was das Publikum sehen will, ist die Art, wie Frank Plasberg seinen Kopf zur Seite dreht und so seinen Talkgast Nikolaus Blome aus einer dezent arroganten Perspektive zum Thema Griechenland befragt. Er bezieht womöglich aus dieser Geste und der Antwort des Gastes eine Bestätigung seiner eigenen Euro-Skepsis. Bei Sandra Maischberger interessiert zum Thema „Horoskope und Handlesen“ die leicht distanzierte Neugier, mit der die Moderatorin ihre Gäste vorstellt.
Anne Will, die strengste und zugleich toleranteste unter allen Talk-Gastgebern, schüttelt öfter den Kopf, wenn sie zum Thema Staatsschulden das Wort erteilt, ihr Lächeln arbeitet sich mit einer sehenswerten Zeitlupe durch ihre Züge, wenn sie auf die Ausführungen Günther Verheugens horcht. Als Lächelnde ist sie keineswegs immer einverstanden, sie zeigt damit eher innere Distanz. Wenn Reinhold Beckmann das „Leben am Limit“ moderiert und dabei sein Verständnis für die Macken der Menschen auf Extremsportler ausdehnt, fühlt sich das Publikum eine Spur herausgefordert. Schließlich Günther Jauch. Er wollte seinem I-Gen eine Chance geben und hat nun gelernt, dass sein U-Gen einfach stärker ist. Das Publikum lauscht ihm aus alter Verbundenheit, fragt sich aber zwischendurch, welcher seiner Gäste Millionär wird.
Sind denn nun die Einsprüche des ARD-Programmbeirats gänzlich gegenstandslos? Ja, sofern ein Mangel an Themenvielfalt, ein Ausblenden zum Beispiel von Außenpolitik oder Wirtschaft gerügt wurde. Vielfalt: Wohin soll man denn nach „Handlesen“, „Baumarkt“ und „Leben am Limit“ noch ausschweifen? Ausland/Wirtschaft: Kaum konnte der Talkshow-Gucker sich mal zu Hause fühlen, ständig wurde er nach Griechenland, Afghanistan, Syrien oder sonst wohin entführt. Und so viel Euro, Fiskalpakt oder Bankenwesen wie in Talkshows gab es sonst nirgends.
Die Kritik war auch insofern verfehlt, als das Papier thematische Neuigkeiten anmahnte. Stimmungsbarometer probieren keine Themen von morgen aus, sie bündeln das Vorgefundene und drehen es im Kaleidoskop des Pro, Contra und Dazwischen derart, dass der Zuschauer sich mit seiner eigenen Meinung, mit seinen eigenen Befürchtungen und Hoffnungen darin wiedererkennt. Sie wollen zwar informieren, und das tun sie auch im Rahmen ihrer Möglichkeiten, aber nicht aufklären, das wäre zu viel verlangt oder besser: Das ist ein falscher Anspruch.
Eine abwechslungsreichere Gästeliste wäre allerdings von Vorteil. Hier muss man den Redaktionen sagen, dass nicht nur Gregor Gysi, Arnulf Baring und Hans-Ulrich Jörges unterhaltsam sind. Auch ein schüchterner Experte kann gut „funktionieren“ – es faszinieren nicht nur Schlagfertigkeit und Pointensicherheit, sondern manchmal erst recht ein verlegenes Grienen. Kritisiert wird an und durch Talkshows ja auch die Senderpolitik mit ihrer quotenfixierten Unbeweglichkeit. Diese Kritik ist nur zu berechtigt. Da stopft man die an ihrem übermäßig entwickelten U-Gen leidenden Showgrößen wie Gottschalk und Jauch in für sie völlig neue Formate, die ein weit stärkeres I-Gen erfordert hätten und wundert sich, wenn es schiefläuft. Talkshows sind eine feine Sache und typisch fürs Fernsehen, sie machen sein Grundrauschen aus, brauchen aber Moderatoren mit vor allem journalistischem Standing. Das Showmäßige kommt von selber dazu, wenn erst die Runde eröffnet ist.
Was die Gäste betrifft: Es ist das Sicherheitsbedürfnis der Redaktionen, das dazu führt, dass wir immer dieselben Nasen in den Studios zu sehen kriegen. Talkshows aber bringen Quoten, weil sie mit einem attraktiven Unsicherheitsgrad ausgestattet sind oder sein sollten. Man darf nicht vorher wissen, wie sie ausgehen, wer was sagt und wo die Kontroverse entlangläuft. Auch die Moderatoren werden besser, wenn sie sich selber mal wundern. Für Tiefsinn und für Problemlösungen gibt es andere Orte.







