Reich-Ranicki-Schelte : Spaß an der Qualität

Nach der fundamentalen Kritik: "Doctor’s Diary" ist ebenso wichtig wie ein Kamingespräch mit Reich-Ranicki.

Steffi Ackermann

„Doctor’s Diary“ hat am vergangenen Samstag den Deutschen Fernsehpreis bekommen in der Kategorie „Beste Serie“. Eine großartige Anerkennung. Dennoch blieb der Abend nicht bei allen in ungetrübter Erinnerung. Marcel Reich-Ranicki sorgte mit seiner pauschalen Kritik an den Beiträgen dafür, dass in den Medien fast ausschließlich darüber berichtet wurde. Schade eigentlich. Bora Dagtekin, der Grimme-Preis-gekrönte Autor, Ulrike Leibfried, die Redakteurin, und Beatrice Kramm, die Produzentin der Polyphon, sowie viele andere haben engagiert für dieses Stück massentauglicher Unterhaltung gearbeitet.

Was treibt uns alle an? „Doctor’s Diary“ ist nicht das RTL-Format, das Marcel Reich-Ranicki mit auf eine einsame Insel nehmen würde, und dennoch wäre ich gespannt, ein differenzierteres Bild von ihm zu bekommen als seine Rede beim Fernsehpreis. Wir würden uns freuen, wenn auch er Spaß an unserer Serie hätte – auch wenn er nicht unsere Zielgruppe ist.

Eine Fernsehproduktion ist immer noch so kostenintensiv, dass es Sinn macht zu entscheiden, für wen man das Budget investiert. Bei uns sind das vor allem weibliche Zuschauer, die maximal halb so alt sind wie Marcel Reich-Ranicki. Bora Dagtekin wollte nach „Türkisch für Anfänger“ ein breiteres Publikum ansprechen und reichte uns seine Idee „Bridget Jones als Ärztin zu erzählen“ ein – so griffig, dass RTL sofort überzeugt war.

Bei einer Serie kann man selbst während der Dreharbeiten noch auf die Stärken der Figuren eingehen und versuchen, sich im weiteren, gemeinsamen Prozess zu verbessern. Dass das Ganze dann von den Zuschauern gefunden und akzeptiert wird, hängt auch von Faktoren ab, die man nicht beeinflussen kann. Man kann nur versuchen, etwas herzustellen, bei dem man sich selbst gut unterhalten fühlt und emotional mitgeht. Unsere Zuschauer haben glücklicherweise das Programm angenommen.

Ich finde, das Lebensgefühl meiner Generation aufzugreifen, hat die gleiche Daseinsberechtigung wie beispielsweise ein Kamingespräch. Die Mehrheit der Zuschauer wünscht sich Unterhaltung und zwar, seitdem es das Fernsehen gibt. Unterhaltung schließt Qualität nicht aus. An der Fernbedienung herrscht direkte Demokratie, und jeder einzelne kann täglich entscheiden, ob und was er schaut.

Meiner Meinung nach geht es auch bei einem Dokumentarfilm oder Debütfilm den Filmemachern darum, von einem Publikum wahrgenommen zu werden. Wenn ein Debütfilm erfolgreich ist, wird das Folgevorhaben unterstützt und ich weiß, auch in der Arte-Redaktion freut man sich über eine gute Quote.

Aber das ist nachvollziehbar, weil man ja nicht nur für sich selbst produziert, sondern sich mitteilen und unterhalten will. Ich finde, Qualität, also das, was man selbst als solche definiert, entsteht nur durch die Energie, ein authentisches Werk abzuliefern und nicht alle Kompromisse einzugehen. Dafür gibt es auch gute Partner bei den Sendern.

Ich glaube, man braucht ein wenig Eskapismus. Bei mir zu Hause stand der Fernseher in einem Schrank, ich war auf das Lesen angewiesen und doch fühlte ich mich alleine, wenn in der Schule der letzte Bond diskutiert wurde und freute mich sehr, wenn ich heimlich „Agentin mit Herz“ schauen konnte. Lesen lernt man leider nicht durch eine Fernsehsendung über Literatur, sondern in der Schule und durch Erziehung. Das Fernsehverhalten wird sicher auch durch das Angebot und den Umgang damit geprägt, was vielleicht intensiver geprüft werden kann als in einer Diskussionsrunde. Also nach der Sendung ‚Aus gegebenen Anlass’ am Freitagabend bitte noch mehr davon.

Steffi Ackermann ist Producerin bei der Polyphon Film- und Fernsehgesellschaft und verantwortlich für die Serie „Doctor’s Diary“ sowie Debüt- und Fernsehfilme.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben