Reich-Ranicki-Schelte : Welch ein Elend

"Aus gegebenen Anlass" bot alles, was Reich-Ranicki fünf Tage zuvor am Fernsehen kritisiert hatte, die Sendung war Unsinn, Quatsch, Dreck, Blödsinn. Eine Zumutung für den Zuschauer – vor allem, weil der plötzlich wieder Thomas Gottschalk als Giganten wahrnehmen muss.

Matthias Kalle
Ranicki
Das televisionäre Duett. 3,5 Millionen Zuschauer verfolgen am Freitagabend das Gespräch. -Foto: ddp

Gleich danach wurde es jedenfalls auch nicht besser. Als Thomas Gottschalk und Marcel Reich-Ranicki am Freitagabend ihr Gespräch, das keines war, aber dazu später mehr, beendet hatten, kam „Aspekte“, die möglicherweise langweiligste Kultursendung im deutschen Fernsehen. Man hätte es auch nicht schlimm gefunden, wenn die einfach ausgefallen wäre, so uninspiriert kann eigentlich kein Mensch von der Buchmesse berichten (dass Literaturvermittlung im Fernsehen auch anders, besser funktioniert, beweist übrigens Denis Scheck in der ARD).

Als dann die Moderatorin Lucia Braun ihren Chef Wolfgang Herles ganz locker am Stehtisch zur Qualitätsdebatte interviewte, da wirkte das so auswendig gelernt, so vorhersehbar, so klein, dass man an diesen drei Minuten das Elend des Fernsehens erkennen konnte: kein Witz, kein Tempo, kein Feuer. Eine halbe Stunde später bewies Markus Lanz immerhin zwei Dinge: Selbstverliebtheit und Talentlosigkeit gehören sofort im Fernsehen verboten. Und: Eine Sendung ist dann am Ende, wenn man die ganze Zeit auf Atze Schröder wartet, der mit Horst Lichter was Lustiges kocht.

Atze Schröder. Köche. Die sind ja sowieso an allem schuld. Daran, dass Reich-Ranicki seinen Fernsehpreis nicht haben wollte, daran, dass er so ausfällig wurde, daran, dass er eine Sendung mit Gottschalk bekommen hat – und natürlich daran, dass diese Sendung auch tatsächlich stattfand. Leider. Denn „Aus gegebenen Anlass“ bot alles, was Reich-Ranicki fünf Tage zuvor am Fernsehen kritisiert hatte, die Sendung war Unsinn, Quatsch, Dreck, Blödsinn. Eine Zumutung für den Zuschauer – vor allem, weil der plötzlich wieder Thomas Gottschalk als Giganten wahrnehmen muss.

Thomas Gottschalk war so gut wie das letzte Mal bei „Na sowas!“ 1985, tatsächlich hat er sein Meisterwerk abgeliefert, eine halbe Stunde ist offenbar genau die Zeit, in der er begeistern kann. Als er sprach, war es immer interessant, nie langweilig. Reich-Ranicki hörte nicht zu, sondern erzählte das, was er schon beim Fernsehpreis erzählte, dummerweise fehlten jetzt aber die Kraft und die Wut und vor allem der Zusammenhang. Diesmal wirkte es wie der entrüstete Hilferuf eines alten Mannes, der die Welt nicht mehr versteht, und der zu seinem Zivi sagt, dass er ja nix gegen lange Haare habe – nur gepflegt müssen sie sein.

Gottschalk war in der Rolle des Zivis brillant. Er erklärte, er gab einen Crash-Kurs in Sachen Fernsehen 2008, es war alles richtig, verständlich, auf den Punkt. Und Reich-Ranicki ging nicht darauf ein, wollte nichts von dem wissen, was Gottschalk erklärte, so redeten beide aneinander vorbei. Heraus kam schlechtes Fernsehen, dramaturgisch langweilig, schlecht inszeniert, mit einem, der seine Rolle nicht fand, ohne Erkenntnisgewinn für den Zuschauer. Nach diesen 30 Minuten werden sich die Intendanten gedacht haben: „So, jetzt ist der Quatsch auch durchgestanden, jetzt können wir weitermachen wie bisher.“ Und das ist die eigentliche Katastrophe des Freitagabend.

Natürlich hatte Reich-Ranicki mit vielem Recht, was er bei der Verleihung gesagt hat – es war allerdings nicht neu und überraschend. Das Verdienst dieser Rede war es, dass durch sie ein Impuls geschaffen wurde, den man hätte nutzen können, um mal tatsächlich zu reden – darüber, wie es weitergeht, darüber, ob das Fernsehen tatsächlich Köche, Atze Schröder, Marco Schreyl, Doku-Soaps und eine selbstgerechte Fernsehpreis-Jury braucht. Man muss reden über das duale Rundfunksystem aus privatem und öffentlich-rechtlichem Fernsehen, über Sinn und Unsinn von Quote und Zielgruppe, man muss über die Herausforderungen reden, die durch das Internet hinzugekommen sind – man muss über die Zukunft reden und nicht darüber, ob es vor 20 Jahren nicht doch besser war (ziemlich einfache Antwort: nein).

Und man muss darüber reden, was das Fernsehen immer noch einzigartig macht, was das Besondere ist, das Großartige, das Schöne. Aber vielleicht ist das eine Aufgabe für Menschen, die das Fernsehen – trotz allem – immer noch lieben, die an das Medium glauben, die die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben, dass das Fernsehen vielleicht doch eine Sehnsuchtsmaschine ist, die neben der Wirklichkeit zugleich die Träume und Hoffnungen, aber auch die Ängste der Menschen zeigt.

Aber, ach, das will ja sowieso niemand sehen.

Wer „Aus gegebenem Anlass“ verpasst hat: www.zdf.de

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