Reine Lehre? : „Schmähvideo“

Ein Wort, ein Begriff, eine Wertung - Nach dem infamen Mohammed-Film stellt sich die Frage: Wie neutral muss Nachrichtensprache sein?

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Klarheit muss herrschen. Ein Demonstrant nennt das umstrittene Mohammed-Video einen „Anti-Islam-Film“. Weiß jeder, was gemeint ist? Foto: Thomas Niedemüller/dpa
Klarheit muss herrschen. Ein Demonstrant nennt das umstrittene Mohammed-Video einen „Anti-Islam-Film“. Weiß jeder, was gemeint...Foto: dpa

Jugendliche, die Steine werfen. Mauern, die niedergerissen werden. Botschaften, die in Flammen aufgehen. Davor sichtlich wütende Menschen, die randalierend durch die Straßen ziehen, „Nieder mit Amerika“ oder „Mein Leben für den Propheten“ schreien und sich blutige Schlachten mit den Sicherheitskräften liefern. Chaos, Gewalt, Hass, Verletzte und Tote. Und das nicht nur an einem Ort, sondern gleich in zwei Dutzend muslimischen Ländern mehr oder weniger gleichzeitig.

Da fällt es schwer, sowohl den Überblick zu behalten als auch Ruhe zu bewahren, um möglichst neutral und dennoch gleichermaßen faktenreich wie mit Höchstgeschwindigkeit über das Geschehen zu berichten. Auch wenn dies die selbst gestellte Aufgabe der Nachrichtenagenturen ist, der Auftrag, dem sie sich verpflichtet fühlen. Kein Wunder, dass unter derart schwierigen Bedingungen in Texten immer wieder mal Formulierungen auftauchen, die das Geschehen bewerten, in denen eine Meinung zum Ausdruck kommt.

Während der Unruhen in der islamischen Welt, die ein Mohammed-Film ausgelöst hatte, war das auffallend häufig der Fall. Im Prinzip bei allen großen Nachrichtenagenturen, von Reuters über AFP bis zur dpa. Mal hieß es in den Berichten, „es werde Öl ins Feuer gegossen“, mal bahnte sich der „rasende Mob“ seinen Weg. Und immer wieder tauchte das Wort „Schmähvideo“ auf, ein Begriff, der offenkundig eine Botschaft transportiert.

Bei den Berichterstattern ist man sich der Sprachproblematik durchaus bewusst. „Wertende Begrifflichkeiten entsprechen nicht unseren Standards“, sagt der Chefredakteur des Evangelischen Pressedienstes (epd), Thomas Schiller. Es komme aber trotz aller Kontrollen hin und wieder vor, dass etwas durchrutsche. Die Geschwindigkeit des Geschäftes sei sicherlich ein Grund dafür. Doch Schiller verweist noch auf eine andere, vermutlich wirkungsmächtigere Entwicklung im Nachrichtenjournalismus: Die Sprache sei „griffiger“ geworden, weil das die Kundschaft einfordere. Es gebe zunehmend einen großen Bedarf an hintergründigen, analytischen Nachrichten – bis hin zur Grenze der Kommentierung. Da könne es in Einzelfällen dazu kommen, dass bildhafte, bewertende Worte in die Berichterstattung einfließen.

Das sieht Frank Brandmaier, Ressortchef Ausland bei dapd, ähnlich und verweist auf das Spannungsfeld zwischen der Verpflichtung einer Nachrichtenagentur zur Distanz und dem Anspruch, den Kunden Service zu bieten. „Der Leser soll ja erfahren, worum es geht. Deshalb müssen wir auch komplexe Dinge erklären.“

Brandmaier ist sich bewusst, dass dies jeden Tag eine schwierige Gratwanderung bedeutet. Was auch interne Diskussionen zur Folge hat. „Wir haben zu Beginn der Unruhen in muslimischen Ländern lange darüber debattiert, ob ‚islamfeindlich' als Erläuterung zum Mohammed-Video nicht bereits zu wertend sei.“ Schließlich habe man sich aber für diese Einordnung entschieden, gerade im Sinne einer komprimierten Nachricht für den Leser. Schließlich werde so dem Leser ein schneller Zugang zum Thema ermöglicht.

Doch der kann dazu führen, dass Distanz verloren geht. „Wir bemühen uns immer um Neutralität, auch und gerade wenn es um die muslimische Welt und den Nahen Osten geht. Sonst läuft man schnell Gefahr, Partei zu sein“, sagt Martin Bialecki, Redaktionsleiter Politik der dpa. Gerade bei komplexen Themen stets die passende Sprache zu finden, sei höchste Kunst. Denn es gehe darum, „zu 100 Prozent korrekt und dennoch gleichzeitig interessant zu sein“. Und dazu gehört nach Auffassung vieler Nachrichtenagenturen heutzutage das Hintergründige, das Analytische. „Schmähvideo" – das Wort wurde auch vom Tagesspiegel verwendet – hält dpa-Mann Bialecki denn auch für eine inhaltlich gerechtfertigte Einordnung des Mohammed-Films.

Diese Auffassung stößt allerdings durchaus auf Widerspruch. Kai Uwe Weidlich zum Beispiel, Geschäftsführer des Medien-Instituts in Ludwigshafen, hält „Schmähvideo“ für ein Wort mit eindeutig kommentierender Tendenz. Und das entspreche eben nicht der „reinen Lehre“ einer möglichst neutral formulierten Nachricht. Der Begriff vermittle vielmehr eine klare Botschaft.

Weidlich beschäftigt sich schon seit Jahren intensiv mit Nachrichten und deren Sprache. Diese habe sich immer mehr dem alltäglichen Gebrauch angepasst – sei es aus Unwissenheit (was man möglicherweise auch auf mangelhafte Ausbildung zurückführen könne) oder weil die Agenturen sich an den Bedürfnissen und Wünschen des Marktes orientieren. Das sei zwar nachvollziehbar. Doch es bestünde die Gefahr, dass dadurch einer Form von Voreingenommenheit Vorschub geleistet werde. „Sprache schafft Fakten“, sagt Weidlich. Vielleicht sogar in ähnlichem Maße wie Randalierer, die in Mohammeds Namen Botschaften anzünden.

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