Medien : Reise-Shop: Fernseh-Flieger

Katja Wilke

Was bei Kochtöpfen, Halskettchen und Heizdecken schon länger funktioniert, erobert nun auch die Reisebranche: Der Verkauf via Fernsehen. "Reise-Themen sind emotional, lebendig und bieten schöne, fernsehtaugliche Motive", schwärmt Heinz Scheve, Geschäftsführer vom 24-Stunden-Einkaufskanal RTL-Shop, der seit Anfang Juni Reisen verkauft. In Kooperation mit dem Hamburger Reisesender Via 1 strahlt der RTL-Ableger ein tägliches zweistündiges Reisefenster aus. Via 1, zur Zeit nur digital zu empfangen ist, will in Kürze seine eigene Reichweite von 2,6 auf rund elf Millionen Haushalte steigern, sobald über den Satellit Astra ausgestrahlt wird. Auch der Ex-Frauen-Ex-Fußball-Sender TM 3 möchte vom Geschäft mit Sonne, Strand und Palmen profitieren. Die Münchner Holding Euvia Media AG & CoKG, die alle TM 3-Anteile hält, und an der die Pro Sieben Sat 1 Media AG und die Hot Networks AG beteiligt sind, will Anfang nächsten Jahres mit einem 24-Stunden-Reisekanal an den Start gehen. Arbeitstitel des TM 3-Ablegers: "Urlaubsreif". Seit Anfang des Jahres sendet TM 3 bereits ein Reiseshopping-Format. Angst, dass 2002 der Markt schon aufgeteilt sein könnte, gibt es bei Euvia Media nicht. "Wir glauben, dass in Zukunft Platz für drei oder mehr Reisekanäle sein wird. Entscheidend für den Erfolg werden die technische Reichweite, die Qualität der Produkte und der Präsentation sein", meint Arno Haselhorst, Finanzvorstand von Euvia Media.

Auch Reiseveranstalter wittern eine lukrative Marktnische. Die Thomas Cook AG kooperiert mit Via 1 und verhandelt zur Zeit mit TM 3. Touristik-Marktführer TUI ist mit 25 Prozent an dem am 1. Juni gestarteten TV-Travelshop beteiligt. Der 24-Stunden-Kanal ist ein Ableger des britischen Reisesenders TV Travelshop, der Branchenkennern zufolge mit einem geschätzten Jahresumsatz von 600 bis 700 Millionen Mark in Großbritannien "sagenhaft absahnt".

"Reise-TV hat ein Marktpotenzial, das es rechtfertigt, sich darauf zu konzentrieren", meint Arno Haselhorst. Er geht davon aus, dass der Marktanteil von TV- und Internet-Vertrieb mittelfristig etwa zwischen zehn bis 15 Prozent am Umsatz organisierter Reisen ausmachen wird. Da liegt noch viel Arbeit vor den TV-Reiseverkäufern. In der Branche wird der Umsatz mit Reisen auf rund 40 Milliarden Mark geschätzt. "Online-Verkäufe von Reisen machen zur Zeit unter zwei Prozent des Gesamtverkaufs aus. Und der Anteil von Fernsehverkäufen liegt sicher noch unter 0,2 Prozent", vermutet Christian Boergen, Sprecher des Deutschen Reisebüro und Reiseveranstalter Verbands. Die klassischen Einkaufskanäle, die im vergangenen Jahr einen rasanten Umsatzwachstum mit Konsumgütern verzeichnen konnten, halten sich beim Reise-Shopping zurück. Der 1995 gestartete Pionier und Marktführer des Einkaufsfernsehens, Home Shopping Europe (ehemals H.O.T.), hat aufgrund der Beteiligung seines Anteilseigners Hot Networks an Euvia Media kein eigenes Angebot an Reisen mehr. Der Shoppingsender QVC bleibt lieber bei seinen Heizdecken und Bratpfannen. "Wir verkaufen Produkte und nicht Dienstleistungen", sagt Geschäftsführer Francis Edwards. Angebote, bei denen sich keine Qualitätskontrolle durchführen ließen, passten nicht zur Unternehmensphilosophie.

Solche Bedenken plagen die TV-Reiseverkäufer nicht. Rainer Ortlepp, Geschäftsführer von TV Travelshop, zeigt sich nach dem ersten Sendemonat zufrieden: Er sieht die Umsatzerwartungen als übertroffen an. Langfristig hofft Ortlepp auf ein ähnliches Nutzerverhalten wie bei den britischen TV-Kunden: "Die kaufen viel selbstverständlicher über TV ein. Zudem sind sie Deutschland in der Rückkanalfähigkeit bei Fernsehgeräten um drei bis fünf Jahre voraus. Sobald sich Produkte problemlos über das TV-Gerät ordern lassen, wird das auch hier noch einmal einen Schub für das Teleshopping geben." Für das Urlaubs-Fernsehen verspricht sich Ortlepp davon allerdings nicht viel Bewegung: "Ohne Beratung durch das Call Center werden keine Reisen verkauft."

Der Wunsch nach Beratung ist die "Lebensversicherung" der klassischen Reisebüros gegen neue Medien. "Im Internet können nur einfache Sachen angeboten werden. Anbieter wie Expedia oder Travel 24 sind mit großem Info-Angebot gestartet und haben jetzt abgespeckt auf einfache, überschaubare Reisen", erklärt Boergen. Auch im TV gebe es den Trend, gezielt auf Buchungen zuzusteuern: "Denn sich im Wind wiegende Palmen oder schöne Basare in Tunesien lenken gewöhnlich eher von der Buchung ab." Die schönen Bilder treiben die Kunden ins Reisebüro um die Ecke, sagt Boergen. "TV ist genau wie das Internet als Buchungsmedium nicht so populär. Deutsche geben nicht gern ihre Kreditkartennummer heraus." RTL-Shop-Geschäftsführer Scheve stimmt ihm zu: "Der Vertriebsweg Fernsehen ist eine Ergänzung. Das Reisebüro wird immer die Nummer eins beim Verkauf von Reisen bleiben."

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