Reportage : Gott und die Welt

Religion, mal ganz unverkrampft: Sven Kuntze testet sich in „Gläubig auf Probe“ selbst.

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„Ich knie jetzt mal“, sagt Sven Kuntze. Während der Andacht mit Benediktiner-Mönchen in einem Kloster in der Eifel versucht er sich im Beten, aber „weil ich mein verdammtes Gehirn nicht ausschalten kann, weiß ich, das nützt nichts“. Mit Gott und dem Glauben hat es der pensionierte Fernsehjournalist nicht so. Aber Gott könnte sich auch ein bisschen mehr Mühe geben, meint Kuntze, der zuletzt das Sachbuch „Altern wie ein Gentleman“ geschrieben hat. „Da ist der Schöpfer, der es nicht schafft, in mir präsent zu sein – was für ein Schwächling“, erklärt er Bruder Konrad beim Kehren des Kloster-Flurs. Der Mönch empfiehlt ihm Ruhe und Gelassenheit. Beide rauchen schon mal gemeinsam eine Zigarette, natürlich vor der Tür.


Zum dritten Mal bucht der 69-jährige Kuntze, der ARD-Korrespondent in Bonn, Berlin und den USA war, im Auftrag seines ehemaligen Senders eine Probezeit mit Kamerabegleitung. Nach „Alt sein auf Probe“ und „Gut sein auf Probe“ nun also „Gläubig auf Probe“. Kuntze schaut sich bei Katholiken, Buddhisten und Moslems um. Außerdem besucht er eine Dame, die behauptet, sie könne ihm einen Kontakt zu Engeln verschaffen. In seinem Fall ist es Erzengel Nathanael, der Kuntze angeblich verspricht, es würden sich ihm viele Türen öffnen.


Ob es nun Nathanael oder doch eher das Fernsehen war, das ihm die Türen geöffnet hat: Man begleitet Kuntze gerne zu den verschiedenen Stationen, weil sich der Reporter und bekennende Skeptiker weder anbiedernd noch herablassend auf die Begegnungen mit den Menschen und ihren vielfältigen Glaubensformen einlässt. Ihn interessiert auch nicht der übliche Streit um Dogmen und Glaubenssätze, um Zölibat, Abtreibung und die Stellung der Frauen in der Kirche. Er ist nicht als Religions-Tester unterwegs, sondern er testet sich selbst, ohne dass dies in einen unverträglichen Ego-Trip ausartet. Der Reporter packt mit an, das bringt ihm unverkrampfte Nähe und dem Publikum entspannte Gespräche über Religion, Gott und die Welt ein.


In der katholischen „Fazenda“, in der junge Straftäter und Drogenabhängige ein Jahr lang zusammen leben, füttert er mit dem 20-jährigen Julien die Schweine und feiert später dessen Taufe. In einer muslimischen Familie hilft er während des Ramadans bei der Zubereitung des Essens, das nach Sonnenuntergang gemeinsam verspeist wird. Da kann man beim Möhrenschälen auch mal das Thema Heiliger Krieg streifen. Und bei den Buddhisten hadert er zwar mit unbequemen Sitzpositionen, aber mit dem Lehrer freundet er sich an und fährt mit ihm am Ende gemeinsam auf einem gemieteten Hausboot in die Abendsonne hinein.


Es mag an der Anwesenheit der Kamera liegen, dass alle Gläubigen so ganz ohne missionarischen Eifer auftreten. Jedenfalls kommen hier Religiosität und die Kraft, zu der der Glauben dem Einzelnen verhelfen kann, ausgesprochen sympathisch rüber. Man begreift: Es sind die gelebten Werte, die einen Glauben überzeugend machen, die Gastfreundschaft der islamischen Familie, das Gemeinschaftsgefühl in der katholischen „Fazenda“ oder die Freundlichkeit des sanften Buddhisten, der seine gut bezahlte Arbeit als Chemiker aufgegeben hat. Und was ist mit Gott? „Wir haben ihn erfunden, weil wir ihn brauchen“, sagt einer von den strengen Wald-Buddhisten lächelnd.
Dass der Zweifler Kuntze sich nicht wirklich bekehren lässt, macht den Film eher noch glaubwürdiger. Immerhin wird er von einigen Gläubigen in ihr Gebet mit eingeschlossen. Und das lässt ihn durchaus nicht kalt.

„Gläubig auf Probe“; Montag, ARD, 22 Uhr 45

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