Medien : Reporter an die Front

Pentagon will Journalisten Zugang zur US-Truppe erlauben

Gerti Schön

Nach Jahrzehnten des Kalten Krieges zwischen amerikanischen Reportern und ihrem Militär scheint die Bush-Regierung nun willens zu sein, mehr als eine friedliche Ko-Existenz zwischen beiden Parteien etablieren zu wollen. Das Pentagon kündigte laut einem Bericht der „Los Angeles Times“ an, dass es Hunderten von Journalisten und Fotografen in einem möglichen Krieg gegen den Irak regelmäßig erlauben werde, die Truppen mit an die Front zu begleiten.

Der Grund scheint zu sein, dass die Regierung alles tun will, um der zu erwartenden Propaganda der Iraker etwas entgegen zu setzen. „Wir sind überzeugt, je mehr Nachrichten aus dem Irak kommen, desto besser“, sagte Pentagon-Sprecherin Victoria Clarke. Die PR-Leute der US- Regierung könnten im Ernstfall hundert Mal beteuern, dass es keine Opfer unter Zivilisten gegeben habe. „Aber es ist viel besser und glaubwürdiger, wenn die Medien dies aufgrund ihrer eigenen Erfahrung sagen.“

In der Vergangenheit war dies genau der Streitpunkt zwischen Militärs und Presse gewesen. Die Medien beharrten darauf, dass sie wie schon einmal in der Vergangenheit praktiziert, Zugang zu den Truppen gewährt bekommen müssten, während das Pentagon dies ablehnte. Daher wurde die Änderung der restriktiven Politik von den meisten Betroffenen als Durchbruch gesehen.

„Dies ist ein brillianter PR-Trick des Pentagons“, kommentierte Rick McArthur, Autor eines Buches über Zensur im ersten Irak-Krieg zu Protokoll. Er glaubt nicht, dass die Reporter im Ernstfall wirklich Zugang zu den Soldaten und den Schlachtfeldern bekommen werden. „Es wird keine unabhängige Berichterstattung geben, außer ein paar Bilder vielleicht, die CNN von Al Dschasira abkaufen wird.“ P. J. Crowley, Pentagon-Sprecher unter Clinton und gelegentlicher Kritiker der Regierung Bush, lobte : „Es ist wichtig, dass das Pentagon gleich zu Beginn eines Konflikts mit dem Irak ein positives Signal sendet.“ Auch Rachel Cohen, Analystin bei der medienkritischen Organisation Fair in New York nennt die Strategie eine „bemerkenswerte Umkehr“ von der bisherigen Politik, mahnt jedoch genau wie die meisten Beobachter zur Vorsicht, wie dies tatsächlich umgesetzt wird. Es könnte ihrer Ansicht nach noch immer passieren, dass Reporter ihre Texte von Militärleuten absegnen lassen müssten bevor sie veröffentlicht werden. Ob es jemals Live-Bilder von den Schlachtfeldern geben werde, sei zweifelhaft, und wäre ohnedies eine ethische Frage. „Ich wäre schockiert, wenn das passieren würde."

Es wäre nicht das erste Mal, dass Regierungsvertreter entgegen einem öffentlichen Statement andersherum agieren würden. Als im vergangenen Jahr Pläne zur Etablierung eines „Office of Strategic Influence“ bekannt wurden, das die ausländische Presse mit Falschinformationen füttern sollte, gab es einen Sturm der Entrüstung, und die US-Regierung musste die Pläne einstampfen. Doch erst vor wenigen Wochen ließ der dafür zuständige Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, laut einem Bericht von Fair, öffentlich und ohne jegliches Presseecho verlauten, dass lediglich der Name der Behörde aufgegeben worden sei. „Also habe ich gesagt, gut, wenn ihr’s ruinieren wollt, fein, ich gebe euch die Leiche. Hier habt ihr den Namen. Ihr könnt ihn haben, aber ich werde jedes einzelne Ding, das getan werden muss, tun."

Rumsfelds trotzige Reaktion steht beispielhaft für die wechselhafte Geschichte zwischen Presse und Militär. Der Tiefpunkt kam 1983 mit der Invasion von Grenada unter Ronald Reagan. „Das Militär war auf der einen Insel und die Presse auf einer anderen“, schildert Crowley, der selbst lange Jahre in der Luftwaffe tätig war. Aus diesem Grund wird die beabsichtigte Öffnung der Presse-Politik zunächst von allen Seiten begrüßt. „Aber vielleicht ist ja auch einer der Hintergedanken der Bush-Regierung, dass dann wieder ähnlich pathetische Heldenportäts geschrieben werden wie im Zweiten Weltkrieg“, spekuliert Fair-Analystin Cohen. Egal, was das Pentagon beschließe: „Letztendlich hängt es doch von den Medien selbst ab, wie verantwortungsvoll sie berichten."

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