Reporter Seymour Hersh wird 80 : Berühmt berüchtigt

Recherche in den Darkrooms von Militär und Politik: Der große US-Reporter Seymour Hersh wird 80.

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„Sy“ ist der Spitzname des Enthüllungsjournalisten Seymour Myron Hersh.
„Sy“ ist der Spitzname des Enthüllungsjournalisten Seymour Myron Hersh.Foto: dpa

„Früh am 16. März 1968 wurde eine Kompanie der Americal-Division der United States Army per Helikopter für einen Angriff auf einen als My Lai 4 bekannten Weiler in der schwer umkämpften Provinz Quang Ngai an der nordöstlichen Küste Südvietnams abgesetzt.“ Mit diesem Satz beginnt der klare, sachliche und zugleich grauenvolle Bericht eines Massakers von US-Soldaten im Vietnamkrieg. Der Satz, der Bericht, sie erschienen im Magazin „The New Yorker“.

Der Autor war Seymour Hersh; nicht wenigen Beobachtern gilt die aufwendige Recherche über den Mord an hunderten Zivilisten als ein wesentliches Momentum, dass die Stimmung in der US-Bevölkerung gegen den Vietnamkrieg (1954 bis 1975) zu kippen begann. Und Hersh, der mit Army-Leutnant William Calley einen Kronzeugen gefunden und sich als Korrespondent im Pentagon ein breites Netz an Informanten aufgebaut hatte, gewann für die zum Buch „My Lai 4: A Report on the Massacre and Its Aftermath“ ausgebaute Geschichte 1970 den Pulitzer-Preis.

Storys aufs Messers Schneide

Als Enthüllungsjournalist und Recherche-Fanatiker (am Telefon) ist Seymour Hersh auch später weit in die Schattenwelten von Militär und Politik vorgedrungen. Mögen manche Fakten gewackelt haben, die Storys, die Hersh gerne auf des Messers Schneide balancieren ließ, wackelten nicht – zu stark im Profil, zu profund in der Substanz. Dass er sechs US-Administrationen von Lyndon B. Johnson bis Barack Obama anfeindete und von ihnen angefeindet wurde, nahm er als Kompliment. Zum Journalismus kam der in Chicago geborene Sohn von Einwanderern aus Litauen und Polen eher zufällig: Er studierte Geschichte und versuchte sich leidlich an der juristischen Fakultät. „Meine Noten waren zum Schluss miserabel.“ Nach ersten Schritten im Journalismus und dem Militärdienst gründete er eine Vorstadt-Zeitung und landete schließlich bei den Agenturen United Press International und der Associated Press, die er aber bald wieder verließ. Seymour Hersh war nicht der geborene Teamplayer, oft eckte er bei seinen Redakteuren an, auch bei denen der „New York Times“, für die Hersh von 1972 bis 1978 arbeitete.

Den größten Scoop des amerikanischen Journalismus sackte mit der Watergate-Affäre um Präsident Richard Nixon zwar sein Konkurrent Bob Woodward von der „Washington Post“ ein. Das hielt Hersh nicht davon ab, die Ära Nixon und dessen Außenminister Henry Kissinger im Buch „The Price of Power: Kissinger in the Nixon White House“ (1983) zu beleuchten. Das vernichtende Porträt des Außenministers brachte ihm die Auszeichnung des National Book Critics Circle ein. Und hier wie stets folgte die Kritik auf dem Fuß: Hersh sei ein linker Aktivist, der sich als Journalist tarne, Antisemit sei er zudem.

Der den Schmutz aufwirbelt

Mit der wachsenden Bedrohung durch Terrorismus wandelte sich auch Hershs Schwerpunkt: Die US-Reaktion auf die Anschläge vom 11. September 2001, die Jagd auf Osama bin Laden unter Präsident George W. Bush, der Folterskandal rund um die US-Armee im irakischen Gefängnis Abu Ghraib – keine Story war zu groß, um von dem Schmutz aufwirbelnden „Muckraker“ Hersh nicht mit den Mitteln des investigativen Journalismus seziert zu werden (am häufigsten im Wochenmagazin „The New Yorker“).

Kein Wunder, dass ihn die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten nicht kalt gelassen hat. Für Hersh, der an Politiker „den höchstmöglichen Standard an Anstand und Ehrlichkeit“ stellte, sind Trumps Attacken auf die Presse ein Rückgriff auf den Nationalsozialismus. „Man muss zurück in die 1930er Jahre gehen. Als Erstes zerstört man die Medien. Und was wird (Trump) tun? Er wird sie einschüchtern“, sagte Hersh dem Magazin „The Intercept“.

Am heutigen Samstag wird Seymour Hersh 80 Jahre alt. Joachim Huber

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