Retro-TV : Das schöne Fernsehen

Der Show-Klassiker „Dalli Dalli“ kommt zurück - mit Kai Pflaume als Moderator. Warum die Sendung nach seiner Ansicht auch heute noch funktioniert.

Markus Ehrenberg

Er hatte ein schweres Erbe anzutreten. Schließlich war „Dalli Dalli“ mit Erfinder und Moderator Hans Rosenthal von 1971 bis 1986 zu einer der beliebtesten Unterhaltungsendungen im deutschen Fernsehen geworden. Aber er war sehr sportlich, sehr gut aussehend, sehr smart, ehrgeizig, und nach einer kaufmännischen Ausbildung sowie ein paar guten Auftritten und Jobs im öffentlich-rechtlichen Fernsehen traute sich Andreas Türck 1996 an eine Neuauflage von „Dalli Dalli“ im ZDF. Nach neun Monaten wurde die werktägliche, 30-minütige Show eingestellt. Von Türck hört man heute kaum noch etwas. Kai Pflaume hat es da sicher etwas leichter, wenn er am Samstagabend mit einem Comeback des TV-Klassikers beim Norddeutschen Rundfunk (NDR) auf Sendung geht, 25 Jahre nach der letzten Ausgabe mit Rosenthal. Die ARD hat Kai Pflaume nach dessen Rückkehr vom Privatfernsehen mit einer Handvoll Shows eingedeckt, so dass ein Flop mehr oder weniger vielleicht nicht auffallen würde.

Es dürfte allerdings kaum eine Sendung geben, die sich derart ins kollektive TV-Gedächtnis der 1950er und 60er-Geborenen eingebrannt hat wie „Dalli Dalli“. Das Schnelldenker-Quiz steht im Fernsehmuseum in einer Reihe mit „Am laufenden Band“ oder „Einer wird gewinnen“. Die eingängige Titelmusik, acht prominente Kandidaten in Zweierteams, Wort- und Assoziationsspiele, die Waben-Wand, „Dalli-Klick“, eine Diashow, bei der Teile eines Bildes aufgedeckt wurden, zwischendrin Schnellzeichner Oskar, der Zuschauerpreise skizzierte, für die letzte Runde ein von Horst Pillau inszeniertes kurzes Theaterstück; alles sorgfältig überwacht von einer Dreier-Jury um den gemütlichen Theatermann Ekkehard Fritsch. Nach der Aufgabenstellung gab Rosenthal stets das Startsignal mit dem Ausruf: „Dalli, Dalli!“. Wenn alles gut lief, sprang der Moderator in die Luft und rief zusammen mit dem Saalpublikum: „Das war… spitze!“. Donnerstagabends, ZDF, 19 Uhr 30, Lagerfeuer, großes Familienfernsehen.

Der 1987 im Alter von 62 Jahren nach einem langen Krebsleiden verstorbene Rosenthal, dessen Bruder und andere Angehörige im Holocaust ermordet wurde, war immer bemüht, jeden seiner Kandidaten gut aussehen zu lassen. Im Mittelpunkt standen der Spaß und das gemeinsame Erreichen möglichst vieler Punkte zugunsten einer karitativen Sache.

Nun darf sich Kai Pflaume an dem Schnelldenker-Mythos versuchen. Das mit dem Gut-Aussehen-Lassen wird dem in diversen gefälligen Unterhaltungsformaten wie „Nur die Liebe zählt“ gestählten, unglaublich netten Moderator nicht schwerfallen. Ob sich Pflaume aber auch in die Lüfte hebt, fragt „Sie sind der Meinung, das war spitze?“, daraus machen der neue Moderator und der NDR vorab ein großes Geheimnis. Fest steht: „Tagesschau“-Sprecher Jan Hofer hat als Juror zwei prominente Zweier-Teams im Blick, macht also den Ekkehard Fritsch für Moderator Kai Pflaume. Der gebürtige Hallenser hat die Show als Kind in der DDR selbst gesehen und glaubt an die „Kraft dieser Marke“. „Bei ,Dalli Dalli’ sind es das Spielsystem und der Spielspaß, die aus meiner Sicht heute genau wie damals funktionieren“, sagt Pflaume.

In der Show solle es nichts geben, was es nicht schon früher gab. So ganz scheint die ARD diesem Vorhaben aber nicht zu trauen, da die Sache nicht im Ersten läuft und auf eine Stunde begrenzt ist, statt 90 Minuten wie früher. Millionen Zuschauer lockt man damit nicht vor den Bildschirm. Ein paar der wöchentlichen Shows wurden schon aufgezeichnet. Pflaume weilte zuletzt im Urlaub, erledigte ein paar Interviews. „Als allein die Meldung lief, dass ,Dalli Dalli’ zurückkommt, war das Medien-Echo unglaublich, da hätte man auch sagen können: Kai Pflaume bekommt eine sechsstündige Samstagabend-Show – das Interesse wäre kaum größer ausgefallen.“

Mit dem negativ besetzten Begriff Retro-Fernsehen kann oder will sich Medienprofi Pflaume nicht lange herumschlagen. Es sei mehr als legitim, dass man Dinge wieder zurückbringt. „Solche Phasen gibt es in der Mode, Musik und gab es immer wieder im Fernsehen. ,Dalli Dalli’ ist für mich der Prototyp der unterhaltenden Familienshow. Das ist das schöne Fernsehen, das wir einfach für die notwendige Balance im Fernsehen brauchen. Bei all dem, was das moderneFernsehen hervorbringt, ist es wichtig, auch Traditionen zu pflegen.“ Gert Rosenthal, der Sohn von Hans Rosenthal, soll vom „Dalli Dalli“-Remake zugunsten der Hans-Rosenthal-Stiftung ziemlich angetan sein.

Wie gesagt, für den Nachfolger von Andreas Türck ist das Risiko überschaubar. Nach dem Wechsel Jörg Pilawas zum ZDF setzt die ARD auf Allzweckwaffe Kai Pflaume. Der 44-Jährige präsentiert im Ersten „Klein gegen Groß“, im Herbst folgen der Show-Dreiteiler „Der klügste Deutsche“ und die Vorabend-Rateshow „Drei bei Kai“, „Das neue Star Quiz“ läuft schon. Da können die Kandidaten der ersten, neuen „Dalli Dalli“-Ausgabe auch gleich mitmachen, die Schauspieler Heiner Lauterbach und Uwe Ochsenknecht.

„Dalli Dalli“, NDR, 22 Uhr; danach, um 23 Uhr: „40 Jahre Dalli Dalli - Eine Legende lebt“

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