Medien : Revolution im Alltag

Wie die Zensur in der arabischen Welt durch das Internet umgangen wird

Kurt Sagatz

„Das Internet stärkt die Rolle und das Selbstbewusstsein des Einzelnen in der arabischen Welt. Selbst das Chatten der Jugendlichen ist nicht zu unterschätzen. Im Chat können sie öffentlich über Themen reden, die bisher nur unter Freunden besprochen wurden.“ Dieses Zitat von Albrecht Hofheinz, Professor für arabische Sprachen und Kultur an der Universität Oslo, stammt vom deutsch-arabischen Internetportal Qantara.de.

Mona Naggar, dessen Redaktionsleiterin, sagt: „Einerseits gibt es beispielsweise in Saudi-Arabien eine rigide Gesetzgebung, und das alltägliche Leben wird maßgeblich von der Religion geprägt“, sagt sie. „Andererseits besteht in reichen, arabischen Ländern die Möglichkeit, sich das Internet zunutze zu machen. Man kann sich denken, dass es gerade für Frauen hilfreich ist, sich frei informieren zu können.“

Qantara.de ist eine Gemeinschaftseinrichtung der Bundeszentrale für politische Bildung, der Deutschen Welle, des Goethe-Instituts und des Instituts für Auslandsbeziehungen. Die Aufgabe dieses Onlineangebots ist es, das Internet für den Dialog mit der islamischen Welt zu nutzen. Ein Dialog, der auch die Frankfurter Buchmesse geprägt hat, auf der sich die arabische Welt als Gastland präsentierte.

Die These von der wohltuenden Wirkung des Internets auf die bislang von freier Meinungsäußerung und kritischem Dialog oftmals weit entfernte arabische Gesellschaft hat derzeit Konjunktur. Ende Juni fand in Berlin beispielsweise eine zweitägige Tagung mit dem Titel „Neue Kommunikationsmedien in der arabischen Welt – eine Revolution im Alltag“ statt. Zu den Rednerinnen gehörte die marokkanische Soziologin Fatima Mernissi. Für sie sind die neuen digitalen Medien Internet und Satellitenfernsehen nicht nur ein Mittel zur Demokratisierung, da sie durch ihre grenzüberschreitende Ausstrahlung die nationalen Zensurinstanzen unterlaufen. Indem sie bisherige Tabus brechen, erweitern sie nach Mernissis Einschätzung zugleich die gesellschaftlichen Spielräume gerade für Frauen.

Jamila Hassoune, Buchhändlerin aus Marrakesch, kann der Idee von einer „Revolution im Alltag“ ebenfalls viel abgewinnen: Nach traditioneller islamischer Moral dürften unverheiratete Männer und Frauen sich nicht zusammen in einem Raum aufhalten. Anders in Cyber-Cafés, dessen Besuch nicht von vornherein unter dem Verdacht unkeuscher Absichten stehe. Die direkte Kommunikation zwischen jungen Männern und jungen Frauen sei dadurch wesentlich einfacher geworden, so ihre Erfahrungen.

Verlässliche Zahlen über die Internet-Nutzung in der arabischen Welt sind allerdings schwer zu ermitteln. Erfasst werden zumeist nur Abonnenten von Internet-Anbietern, aber nicht die öffentlichen Anschlüsse in den weit verbreiteten Internet-Cafés. Nach Angaben der in den Vereinigten Arabischen Emiraten erscheinenden Zeitung „Gulf News“ befindet sich das Internet in der Region noch in einem „embryonischen Stadium“". Erst drei Prozent der 280 Millionen Araber sind nach Angaben der Zeitung online. Dabei bestehen zwischen den einzelnen arabischen Ländern eklatante Unterschiede: In den Emiraten lag die Quote demnach Mitte 2003 bei beachtlichen 31 Prozent, in Bahrain immerhin bei elf Prozent und in Katar bei rund zehn Prozent. Der Libanon und Kuweit kamen auf rund acht Prozent und Jordanien auf fünf Prozent. Oman, Tunesien und Saudi-Arabien bewegten sich um drei Prozent, Ägypten und Marokko hingegen lagen nur unter einem Prozent und Syrien und Yemen im kaum noch messbaren Bereich.

Triebfeder für die rasche Entwicklung des Internets in Ländern wie den Vereinigten Emiraten ist vor allem das staatliche Interesse nach wirtschaftlicher Entwicklung, die den Ausbau der nötigen Infrastruktur beschleunigte, wie Goetz Nordbruch vom Middle East Media Research (Memri) in Berlin mit Blick auf Projekte wie die Dubai Internet City erklärt. „Parallel zur Nutzung des Internets im Bereich der Wirtschaft lässt sich auch eine wachsende Rolle von arabischen Informations- und Serviceangeboten, aber auch religiösen Inhalten feststellen“, schreibt Nordbruch für Memri.

Auf der Berliner Medienkonferenz wurde die Entwicklung der neuen Medien jedenfalls mit gemischten Gefühlen beobachtet. Gregor Meiering, Nahost-Berater in Amman, sorgte sich beispielsweise langfristig um die Unverwechselbarkeit der arabischen Kultur. Die neuen Medien seien nicht notwendigerweise auch die guten. Zwar sei das Publikum längst in Scharen zu panarabischen und ausländischen Sendern geflohen, es müsse jedoch gefragt werden, ob es besser sei, unter dem Monopol eines Berlusconi zu leben als unter dem Monopol einer Regierung, fragte Meiering.

Doch nicht nur die Machtverhältnisse, auch die neuen Medieninhalte werden zunehmend kritisch hinterfragt. Spielshows, Seifenopern und interaktive Programme dominierten bereits heute viele arabische Kanäle, bedauert Naomi Sakr, Kommunikationswissenschaftlerin von der Westminister Universität. So seien Formate wie „Wer wird Millionär?“ oder Casting-Shows auch im Orient längst im Einsatz. Ein „Big Brother“-Experiment in Bahrein habe allerdings nach öffentlichen Protesten und auf Druck einer parlamentarischen Mehrheit wieder abgesetzt werden müssen, berichtete Sakr.

Was speziell die Literatur angeht, so ist Gamal al-Ghitani zuversichtlich. Noch werde in vielen Ländern der arabischen Welt eine rigide Zensur ausgeübt, sagte der ägyptische Gegenwartsautor unlängst in einem Zeitungsinterview. „Doch was die Zukunft angeht, bin ich optimistisch. Die Zensurbehörden der Regierungen können das Internet nicht verbieten. Inzwischen erscheint eine Vielzahl hervorragender Texte junger Autoren im Internet. Dieser Markt wird wachsen und an Einfluss gewinnen.“

Mehr zum Thema:

www.arab.net

www.qantara.de

www.memri.de

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