Revolutionär, Söldner, Killer : Der vor Osama bin Laden

Arte zeigt „Carlos“, eine Biografie des einstigen Top-Terroristen. Die Filmerzählung hat drei Teile und dauert 330 Minuten. Aber sie lohnt sich - sehr.

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Einer wie Che? Carlos (Edgar Ramirez) schießt sich durch die Welt. Foto: Arte
Einer wie Che? Carlos (Edgar Ramirez) schießt sich durch die Welt. Foto: ArteFoto: © Film en Stock/Canal +/Jean-Cla

So viele Schauplätze, so viele Auftraggeber, so viele Morde, da kann das normale Filmmaß nicht ausreichen. Also ist das Werk von Olivier Assayas monumental geworden: Fast fünfeinhalb Stunden lang erzählt der französische Regisseur die Lebensgeschichte des einstigen Top-Terroristen Carlos. Bei seiner Premiere während der Filmfestspiele in Cannes 2010 wurde der Film von der Kritik gefeiert, gleichfalls die auf zweieinhalb Stunden gekürzte Kinofassung. Es regnete Preise. Arte zeigt das Epos „Carlos“ erstmals im deutschen Fernsehen, an zwei Abenden und in drei Teilen.

Stefan Aust, ehemaliger „Spiegel“-Chef und ausgewiesener Terrorismus-Experten, fasste die Facetten des gebürtigen Venezolaners so: „In der Linken haben ihn viele in der Tradition von Che Guevara bis Andreas Baader gesehen – als einen internationalen politischen Revolutionär.“ Nüchterner betrachtet, sei Carlos weniger eine politische Figur, sondern ein Söldner, der im Auftrag und gegen Bezahlung terroristische Aktionen ausgeführt hat. Drittens, „er war ein richtiger Killer“.

1973 begann Carlos für die „Volksfront zur Befreiung Palästinas“ zu arbeiten, baute schließlich seine eigene Organisation auf, war für Syrien, den Irak und sämtliche Geheimdienste Osteuropas aktiv, die Stasi fehlte nicht. Carlos war für das ausgehende 20. Jahrhundert wohl das, was Osama bin Laden für das beginnende 21. wurde. Höhepunkt in seiner Karriere war die aufsehenerregende Geiselnahme bei der Opec-Konferenz 1975. Mit dem Fall der Mauer, der Ismen und Ideologien wurde der Global Player des Kalten Kriegs „arbeitslos“. Der Sudan lieferte ihn an Frankreich aus, seit 1994 sitzt er, verurteilt zu lebenslanger Haft, im Gefängnis.

„Carlos“, das Biopic, umreißt die Jahre 1973, dem Einstieg in das Handwerk des Terrorismus, bis 1994. Dabei präsentiert sich dem Zuschauer ein intensives Werk des 1949 in Caracas geborenen Ilich Ramirez Sánchez, der unter dem Namen Carlos zur einerseits gefürchteten, andererseits geschätzten Ikone wird. Mit seinem großartigen Ensemble kann Regisseur Assayas den Zuschauer mit der Biografie verführen, ohne den Terrorismus, seine Protagonisten und seine Opfer zu verharmlosen. Kein Vordergrund ohne Hintergrund. Im Zentrum, klar, steht Carlos, seine innere Logik und seine innere Mechanik. „Der Film ist auch eine Psychoanalyse eines gewalttätigen Außenseiters und seines Umgangs mit Frauen“, sagte Assayas. Eine fernsehgerechte 90-Minuten-Fassung sei nicht möglich gewesen. „Es ging nicht, nur die ,greatest hits’ von Carlos zu machen.“

Der Film ist schnell, dynamisch bis zur Atemlosigkeit wie sein Protagonist. Mit Bildern voller Sinnlichkeit – mal mit Frauen, mal mit Landschaften –, aber auch mit hektischen, kühlen Sequenzen, die vor allem die Stimmung des Kalten Kriegs einfangen. Kitsch, Verklärung, dem Reiz des Retro-Looks zu verfallen, all das passiert Olivier Assayas nicht. Er hat bei allem Interesse für die Figur die Distanz, um den Ego-Riesen Carlos in der Aust’schen „Dreifaltigkeit“ zu präsentieren – politischer Attentäter, Söldner, Killer. Souverän und eitel, brutal und bequem.

Am Magnetismus der 330 Minuten haben haben die Schauspieler größten Anteil: Edgar Ramirez, ebenfalls Venezolaner, schlüpft derart überzeugend in die Rolle des Carlos, gibt den durchtrainierten Top-Terroristen, dann den um 20 Kilo angefetteten Wohlstands-Macho – und immer einen Mann, dem man kaum widerstehen kann. Auch engagierte Assayas zahlreiche deutsche Schauspieler, so wie Alexander Scheer, der als Carlos' rechte Hand Johannes Weinrich brilliert und Nora von Waldstätten, die die schwierige Rolle der Carlos-Ehefrau Magdalena Kopp ausfüllt.

Bei allen Lobeshymnen der Kritiker und Filmauszeichnungen wurde „Carlos – Der Schakal“ (Kinotitel) für die Produzenten zum Verhängnis: Sie mussten Insolvenz anmelden.Joachim Huber (mit dpa)

„Carlos“, Arte, Teil 1, 20 Uhr 15, Teil 2, 21 Uhr 55, Teil 3 am Freitag 20 Uhr 15

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